Zum Unfall kam es am Freitag im Laufe des historischen Gefechts am Zofinger Kinderfest: René Schindler, ein erfahrener Kanonier mit über 20 Jahren Gefechtserfahrung, wollte die Kanone zum zweiten Schuss nachladen. Beim Nachstopfen von Schwarzpulver kam es zu einer Nachzündung; die Kanone feuerte ihre Ladung ab, als Schindler noch mit dem Stöpsel am Hantieren war. Der Stöpsel flog weit über den Heiternplatz, traf aber zum Glück niemanden.

Augenzeuge filmte den Unfall mit der Kinderfest-Kanone

Ein Augenzeuge, der anonym bleiben möchte, hat den Vorfall gefilmt und das Videomaterial am Montag der Polizei übergeben. Der Zeuge beschreibt die Sekunden vor der Explosion in einem Mail an die AZ detailliert. Beim Nachladen der Kanone hantierten demnach zwei Personen hinten an der Kanone, während René Schindler mit «einem 1,2 Meter langen Stöpsel» die Kanone stopfte. Er habe die Kanone mit grossem Krafteinsatz sieben Mal gestopft, kurz nach dem letzten Stopfvorgang sei es dann zur heftigen Explosion gekommen. «Er hatte den Stöpsel noch in der Hand, als das Mündungsfeuer aus der Kanone kam», schreibt der Zeuge.

Kanonenunfall: Augenzeuge erzählt, wie er Unfall erlebt hat

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Es sei bedauerlich, dass der Kanonier bei dem Vorfall verletzt worden sei, hält er weiter fest. Allerdings handle es sich beim Kanonier um einen Profi, die grössere Gefahr habe aus seiner Sicht für die Kinder und Jugendlichen sowie die Zuschauer bestanden, schreibt der Augenzeuge. Der rund 1,2 Meter lange Stöpsel, der beim Unfall weit über den Heiternplatz flog, ist aus seiner Sicht ebenso gefährlich wie eine Kanonenkugel. «Weil die Kanone unerwartet und überraschend feuerte, hätten Unbeteiligte verletzt werden können», kritisiert der Zeuge. Deshalb müsse nicht nur die Justiz prüfen, ob sich der Kanonier korrekt verhalten habe. Auch die Organisatoren des Kinderfestes seien gefordert, die Sicherheitsvorgaben zu prüfen.

Der Fall liegt derzeit bei der Staatsanwaltschaft Zofingen-Kulm, die eine Untersuchung eröffnet und die Kanone sichergestellt hat. Möglich ist, dass noch Glutreste im Lauf der Kanone waren, die das Schwarzpulver entzündeten. Beigezogen wurden auch Fachleute des Forensischen Instituts Zürich.

Kommission will den Fall untersuchen

Nicht nur der Augenzeuge, sondern auch ein prominenter Vater meldet sich zu Wort. SRF-Moderator Oliver Bono, der in Mühlethal wohnt, übt in einem Leserbrief im «Zofinger Tagblatt» Kritik. «Ich mag mir als Familienvater, dessen Kinder als Zuschauer am Gefecht teilnehmen mussten, nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn bei dieser artilleristischen Fehlmanipulation der hölzerne ‹Rohrfeger› ein paar Meter tiefer über die Heerschar von Kindern weggeschleudert worden wäre.»

Der schwere Unfall führt Bono zur Frage: «Warum sind alle Zofinger Schulkinder verpflichtet, einem völlig unzeitgemässen Kriegsspiel beizuwohnen, dessen Verlauf seit Menschengedenken feststeht?» Er fragt weiter, warum dem Gefecht im Jahr 2019 höhere Priorität beigemessen werde als dem zeitgemässen und friedlichen Reigen, der erst danach stattfinden dürfe. Bono bittet die Verantwortlichen des Zofinger Kinderfestes eindringlich, die Planung zu überdenken, das Gefecht für die Schulkinder künftig fakultativ zu erklären und den Reigen gleichzeitig stattfinden zu lassen. «Somit würde das Kinderfest seinem Titel gerecht: Das Fest, an dem die Kinder selber entscheiden können, was ihnen Spass macht.»

Welche Folgen hat der Unfall für das traditionsreiche Zofinger Kinderfest? Hier will Stadträtin Rahela Syed, die die Kinderfestkommission präsidiert, nicht vorgreifen. «Wir werden den Fall genau analysieren», sagt sie. Das könne bis nach den Sommerferien dauern. Danach werde entschieden, welche Konsequenzen zu ziehen seien.