Beinwil am See

2000 Menschen beteiligten sich am Kunstwerk des Aargauers

Der Künstler Micha Aregger aus Beinwil am See hat für den Gletschergarten in Luzern eine Installation angefertigt – zusammen mit 2000 Menschen.

Der Künstler Micha Aregger betreibt Werkspionage. Und gibt das offen zu. Auf das Wort Werkspionage kommt er, wenn er erklärt, wovon er zu seinen Arbeiten inspiriert wird. Die Natur ist seine Muse. Momentan sei Mykologie, die Wissenschaft von den Pilzen, ein grosses Thema für sein Schaffen. Micha Aregger hat im Wald einen Pilz geholt und diesen auf einem weissen Sockel in seinem Atelier postiert. Er rollt mit seinem Stuhl nah heran und beäugt den Pilz. «Ich studiere ihn formal, zum Beispiel seine Lamellen.»

Aber auch seine Einbettung in das Ganze: «Der Pilz verweist auf etwas. Die Frucht kommt nur raus, wo es stimmig ist.» Hinter der Natur steht für Aregger Gott als Schöpfer. Der Pilz ist für ihn ein Kunstwerk Gottes.

Bei seiner Werkspionage lässt er sich von der Bauweise der Natur inspirieren. Direkte Abbildungen macht er keine, doch seine Arbeiten sehen ausgesprochen organisch aus: Ein sieben Meter hoher, überdimensionierter Grashalm, der sich in Beromünster durch den Asphalt gebohrt hat. Eine Wolke von tausend durchsichtigen Ballons, die sich aus einem Kirchenturm ergiessen. Oder sein neustes Werk im Gletschergarten Luzern: An die 99 weisse Kugeln, er nennt sie Eisflocken, die unter dem Zeltdach über den Gletschertöpfen der letzten Eiszeit schweben.

Seine christliche Kunst sorgte für Diskussionen

Man kann Areggers Kunstwerke einfach nur schön oder witzig finden. «Das ist völlig in Ordnung», sagt Aregger. Aber er will – wie jeder Künstler – eine Botschaft transportieren. Und Aregger findet seine Botschaft in der Bibel. An der Kunstgewerbeschule in Luzern sei er damit angeeckt. Vorbei sind die Zeiten, als christliche Künstler die Kirchen des mittelalterlichen Europas mit feinstem Gold und Kunsthandwerk füllten. «Es gab Gegenwind und kontroverse Diskussionen.» Einige seiner Mitstudenten hätten sich an der christlichen Botschaft seiner Kunstwerke gestört, seine Dozentin befürchtete, er könne sich zu sehr einengen.

Doch eine Säkularisierung kam für Aregger nicht infrage. In einer ländlichen Gemeinde im Kanton Luzern wuchs Aregger katholisch auf, ohne gross von Religion beeindruckt zu sein. Erst Mitte zwanzig, an der Kunstgewerbeschule, fand er seinen persönlichen Zugang zum Glauben. In der Natur. «Auf meinen Spaziergängen wurde mir klar, dass da jemand dahinterstecken musste.» Und so fand Aregger zu Gott. Wurde Mitglied einer Freikirche. Seine Frau, deretwegen er nach Beinwil am See gezogen ist, fand er jedoch am Kopierer in der Kunsti. Dort trafen sie zum ersten Mal aufeinander.

Diese Schule in Luzern war eine prägende Zeit für den Künstler. Nicht nur wegen seines neu entdeckten Glaubens und der Liebe. Aregger hatte gemäss dem Wunsch seiner Eltern zuvor eine Lehre zum Elektromechaniker gemacht und sich erst später für die Kunsti beworben. Er wurde an mehreren Schulen angenommen und entschied sich nach dem Ratschlag eines Freundes für diejenige, die ihm am meisten Angst machte. In Luzern sei er dann noch einmal auf die Welt gekommen.

Die elitäre Umgebung, die ungewohnte Sprache. «Am Anfang hatte ich ständig einen Fremdwörterduden in der Tasche», sagt er. Doch schnell lebte er sich ein – und aus. Nach der Kunsti gründete er mit einem Mitstudenten eine Ateliergemeinschaft, machte viele kleine Ausstellungen und bald auch grössere Projekte. Vier Jahre lang war er Projektleiter von «Kunst im Spital» in Sursee und Luzern, wo er über 30 Ausstellungen kuratierte und selber auf- und abbaute. «Das medizinische Personal sorgte für die Gesundheit der Patienten und wir für das ästhetische Wohl», sagt er. Das KKLB (Kunst und Kultur im Landessender Beromünster) ist für ihn zur prägenden Institution geworden – und umgekehrt, vor dem Gebäude steht sein «Gnadenfühler», der sieben Meter hohe Grashalm.

Der Gletscher als Allegorie für die Gesellschaft

Der Familienvater lebt nicht von der Kunst allein. Seit elf Jahren ist er im Gletschergarten in Teilzeit als Aufsicht tätig. Schon vor drei Jahren konnte er im Gletschergarten eine Kunstinstallation gestalten. Momentan befindet sich der Garten im Umbau. Das Spiegellabyrinth, das Schweizerhaus und der Park mit Aussichtsturm sind bis Mai 2020 geschlossen. Um den Besuchern einen Mehrwert zu bieten, wurde Künstler Aregger erneut mit einer Installation beauftragt. Sie nimmt nicht nur viel Platz ein, sie brauchte auch viel Vorbereitungszeit. Anderthalb Jahre hat Aregger daran gearbeitet. Insgesamt waren 2000 Menschen daran beteiligt.

Aregger hat für die Schwebeobjekte, die neben Schneeflocken auch Pusteblumen ähneln, Bausätze erstellt und sie unter anderem an Schulklassen und Vereine verschickt. Für die Strahlen der Flocke müssen Holzstäbe in eine Kugel geleimt werden. An das Ende kommt jeweils eine abgeschnittene PET-Flasche, welche die Bastler selbst gesammelt haben. Aregger hat den Gletscher und den Eiskristall als seine kleinsten Bestandteile analysiert. «Wie die Menschen kommen sie einzigartig auf die Welt», sagt Aregger. Der Gletscher ist für ihn eine Allegorie der Gesellschaft. «Wir bewegen uns zusammen und hinterlassen Spuren.»

Ein Bausatz befindet sich noch im Atelier, der wird aufbewahrt. Im Gletschergarten hängen 98 Kugeln unter dem Zeltdach. Die 99. Kugel hat Aregger letzte Woche angefertigt; nachdem er noch einen Bausatz entdeckt hatte. Die letzte Eisflocke liegt nun auf dem Luzerner Sandstein, der vor 20 000 Jahren vom Reussgletscher überfahren worden ist. Sie ist nicht zu spät oder aus Verlegenheit dort platziert worden. «Sie ist angekommen», sagt Micha Aregger.

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