Regionalbus Lenzburg
50-jähriges Jubiläum: Wenn der alte Bus mal wieder nicht lief, holte der Chauffeur einfach sein Privatauto

Die 50-jährige Geschichte der Regionalbus Lenzburg AG ist eine Erfolgsstory.

Ruth Steiner
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Der erste Hybridlinienbus der Schweiz war beim Regionalbus in Lenzburg im Einsatz. 2009 wurde er der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard vorgeführt. Die Bundesrätin mit René Bossard und Ruedi Willi, beide RBL, und dem damaligen Eurobus-Chef Andreas Meier (v.l.). Paul Bachmann, der erste RBL-Chauffeur, mit dem ersten eigenen Bus. In einem Wettbewerb erhielt der Städtlibus den Namen Kängurettli.
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2009 wurde er der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard vorgeführt. Die Bundesrätin mit René Bossard und Ruedi Willi, beide RBL, und dem damaligen Eurobus-Chef Andreas Meier (v.l.).
Paul Bachmann, der erste RBL-Chauffeur, mit dem ersten eigenen Bus. In einem Wettbewerb erhielt der Städtlibus den Namen Kängurettli.

Der erste Hybridlinienbus der Schweiz war beim Regionalbus in Lenzburg im Einsatz. 2009 wurde er der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard vorgeführt. Die Bundesrätin mit René Bossard und Ruedi Willi, beide RBL, und dem damaligen Eurobus-Chef Andreas Meier (v.l.). Paul Bachmann, der erste RBL-Chauffeur, mit dem ersten eigenen Bus. In einem Wettbewerb erhielt der Städtlibus den Namen Kängurettli.

Bilder: zvg

Zum 100-Jahr-Jubiläum der Knecht Gruppe, Windisch, zu welcher der Regionalbus Lenzburg gehört, gabs hohen Besuch aus Bundesbern. Beim offiziellen Festakt im August 2009 weilte die damalige Bundesrätin Doris Leuthard unter den Gästen und liess sich den ersten Hybridlinienbus der Schweiz erklären. Dieser war damals erst kurze Zeit auf dem Netz des Regionalbus Lenzburg unterwegs. Elf Jahre später macht sich anstelle der Freude Frust breit: Corona verunmöglicht jegliche Jubiläumsaktivitäten zum 50-jährigen Bestehen des Regionalbus Lenzburg (RBL).

Die Geschichte, welche der RBL als Teil der Eurobus-Gruppe, in den vergangenen fünf Jahrzehnten geschrieben hat, ist jedoch unantastbar. Der RBL hat den öffentlichen Verkehr in die Region gebracht, ihn sukzessive ausgebaut und sich zum wichtigen Bahn-Zubringer entwickelt. Heute ist ein tägliches Pendeln aus dem Gebiet Lenzburg/Seetal an den Arbeitsplatz nach Zürich problemlos möglich und wird rege praktiziert, wie Geschäftsführer René Bossard anhand von Pendlerzahlen weiss.

Im ersten Betriebsjahr 1971 sassen 65000 Reisende im damals einzigen RBL-Car. Fünfzig Jahre später befördert der RBL jährlich 3,3 Millionen Fahrgäste. Tendenz zunehmend, sagt Bossard. Seit knapp dreissig Jahren schreibt er die RBL-Erfolgsgeschichte massgeblich mit. Bos­sard ist es auch, der aus der Anfangsphase einige überlieferte Bonmots zu erzählen weiss. Dabei ist wohl nicht immer alles so gelaufen, wie man es sich vorgestellt hatte.

«Seetal-Bus» wurde von Lenzburg nicht goutiert

Als am 1. Juni 1970 der erste Bus in Lenzburg die Fahrt Richtung Seengen aufnahm, kam ein altgedienter Car zum Einsatz. Kein sehr zuverlässiges Fahrzeug, eines, das zwischendurch mal bockte. Doch der damalige Chauffeur, Paul Bachmann, ein hemdsärmeliger Mann, liess sich nicht beirren. Von ihm ist bekannt, dass er jeweils kurzerhand sein Privatauto holte, wenn der Car wieder einmal auf der Strecke stehen blieb.

Genau genommen beginnt die RBL-Geschichte schon früher: 1967 eröffnete die Gebr. Knecht AG, Windisch, am Kronenplatz in Lenzburg ein Reisebüro und übernahm den Carbetrieb Knecht-Merz AG, Seon, samt der Postautolinien Boniswil–Seengen und Hallwil–Leutwil–Teufenthal. Knecht war damals auf der Suche nach einer stabileren, sicheren Einnahmequelle, als Ergänzung zu den saison- und wetterabhängigen Carfahrten.

Die Gebr. Knecht AG plante, die abseits der Seetalbahn liegenden Gemeinden mit dem öffentlichen Verkehr zu erschliessen. Das Vorhaben kam allerdings nicht überall gut an. In Schafisheim befürchtete eine Hauseigentümerin, dass die Fahrgäste Zigarettenstummel auf ihr Grundstück werfen könnten und verweigerte den Halt auf dem Vorplatz. Der damalige Schofiser BGB (heute SVP)-Nationalrat Walter Baumann schaffte es jedoch, die Frau umzustimmen. Er versprach, dass der RBL allfällige Stummel eigenhändig auflesen werde.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Namen, erinnert sich René Bossard. Bevor nämlich der erste Bus fuhr, gab es Streit darüber, wie der Busbetrieb heissen soll. Die Wunschbezeichnung der Gebr. Knecht für das neue Unternehmen, «Busbetrieb Lenzburg-Seetal» ging nicht, das Kürzel BLS war von der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn bereits besetzt. Die zweite Wahl «Seetal-Bus» kam bei den Lenzburger Behörden gar nicht gut an. Sie wollten, dass der Name Lenzburg in der Bezeichnung vorkommt und schlugen schliesslich «Regionalbus Lenzburg» vor.

In den ersten Jahren verlief der Busbetrieb eher schleppend, weiss Bossard. «1984 änderte sich das schlagartig, als der RBL die Strecke Lenzburg–Wildegg übernahm, nachdem die SBB die Bahnlinie stillgelegt hatte.» Innerhalb von zwei Jahren verdoppelte sich die Passagierzahl auf über 660000 Personen pro Jahr.

Weshalb der Städtlibus zum Kängurettli wurde

1986 wurde der Städtlibus in Betrieb genommen. Dieser bediente die Lenzburger Aussenquartiere. In einem öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerb wurde ein Name für den Städtlibus gesucht. Die Wahl fiel auf das «Kängurettli», dessen geistiger Vater Hans Ulrich Glarner ist, heute Amtsvorsteher der Bildungs- und Kulturdirektion des Kantons Bern und früherer Kulturchef des Kantons Aargau. Glarner erinnert sich noch gut daran. «Der RBL hatte damals den Städtlibus eingeführt und warb, wenn ich mich richtig erinnere, mit hellblauen Flyern, auf denen ein skizziertes Känguru von Station zu Station hüpfte. Und weil ich schon immer gern mit der Sprache spielte, lag für mich ein Kompositum von Känguru und Garette, der schweizerdeutschen Schubkarre, auf der Hand.» Glarner fand, «der liebevolle Diminutiv passte zur Kleinstadt und zum neuen sympathischen ÖV-Angebot».

1988 eröffnete der RBL in Lenzburg im Lenzhard einen eigenen Bushof, nachdem man die Busse zuvor behelfsmässig untergebracht hatte, etwa in der «Burestube» und bei der Globogal in Seon oder im Feuerwehrmagazin in Lenzburg.

Lob für RBL im «K-Tipp»- Konsumentenmagazin

Gleich zwei Meilensteine wurden 2008 gesetzt. «Wir konnten den erweiterten Bushof in Betrieb nehmen und ein neues Verwaltungsgebäude beziehen», erzählt Bossard. Im gleichen Jahr habe man den ersten Hybridbus in Betrieb genommen.

2005 sorgte der RBL national für Schlagzeilen. Eine Kundin bat, die Fahrpläne anzupassen, weil sie in Lenzburg den SBB-Anschluss verpasse. Bossard reagierte sofort. Im Konsumentenmagazin «K-Tipp» liess sich die Kundin wie folgt zitieren: «Dass so etwas bei einem öffentlichen Betrieb möglich ist, hätte ich nie geglaubt.»

Im Verlaufe der Jahre legte der RBL ein stattliches Mass an Innovationsgeist an den Tag. Darauf ist Geschäftsführer Bossard stolz: «Als erstes Aargauer Transportunternehmen haben wir 2011 einen mobilen Fahrplan für Smartphones angeboten.» 2013 wurde beim Schloss Wildegg die erste Haltestelle mit Solarbeleuchtung eingeweiht.

Jüngst war der RBL gefordert, als er als Bahnersatz für die SBB auf der Strecke Lenzburg– Zofingen einspringen musste. «Innerhalb weniger Wochen mussten wir 40 Chauffeure und 10 Busse bereitstellen.» Bossard ist stolz auf die logistische Meisterleistung. Doch als Vertragspartner der SBB müsse man rasch handeln können. «Wenn beispielsweise auf der Seetalstrecke die Bahn ausfällt, müssen wir innerhalb von 30 Minuten die gestrandeten Passagiere mit einem Bus aufnehmen können.»

In 50 Jahren ist die Fahrzeugflotte von einem Bus auf 26 gestiegen, kürzlich wurden vier neue Busse in Betrieb genommen. Der RBL beschäftigt heute rund einhundert Mitarbeitende, den weitaus grössten Teil machen die 80 Buschauffeure aus.