Lenzburg

Als auf dem Schloss Musikgeschichte geschrieben wurde

1972 bis 1980 war Lenzburg Austragungsort eines Folkafestivals – es war das erste Open Air, das in der Schweiz je stattfand.

Im Juni wurde das Schloss zur Disco, eine Technoparty lockte 500 Gäste an. Kurz darauf wurde bereits zum wiederholten Mal eine Gothicparty durchgeführt.

Klassische Konzerte finden regelmässig statt. Die Schlossmauern locken Musikfans verschiedener Genres an – und das ist kein neues Phänomen. Von 1972 bis 1980 wurde auf dem Schloss Musikgeschichte geschrieben, als es zum Austragungsort des Folkfestivals wurde.

In der Mediendatenbank von SRF gibt es einen Beitrag über das Folkfestival 1975, der in der Sendung «Bericht vor 8» ausgestrahlt wurde. Die Bilder sind faszinierend. Der Schlosshof ist bis auf den letzten Kieselstein bedeckt mit einer sitzenden Menschenmasse.

Die Häupter sind langhaarig, die Bärte zahlreich. Viele tragen farbige Gewänder oder verzichten auf ein Oberteil – soweit ausmachbar waren das hauptsächlich Männer. Ganz so Woodstock-mässig ging es auf der Lenzburg doch nicht zu und her. Aber man kommt nicht umhin, bei den Bildern vom Folkfestival an die amerikanische Mutter aller Hippie-Festivals zu denken.

Die Musik des friedlichen Widerstandes

Das Folkfestival war das erste Open Air der Schweiz. Der Gründer des Folkfestivals, Daniel Perret vom British & American Folksong Club Zürich war ein Dudelsackpfeifer mit einer Vorliebe für schottische Schlösser. Als ihm auf der Durchfahrt das Schloss Lenzburg ins Auge fiel – damals noch unsaniert und um einiges romantischer, wenn man auf verfallende Gemäuer steht.

Das Schloss konnte für ein Musikfestival gemietet werden und so fand 1972 das erste Folkfestival statt. Und es ging dabei um mehr als Musik. Folk war die Musik der friedlichen Widerstandsbewegung. Man war frei, unbekümmert und gegen Regeln, sowohl musikalisch als auch in anderen Belangen.

«Das kommt im gemeinsamen Singen, Tanzen, Essen und Schlafen zum Ausdruck», schreibt Christine Burckhardt-Seebass in ihrer Abhandlung «Gang, hol d’Gitarre» zum Folkfestival Lenzburg. Spätestens nach den ersten Ausführungen war das Festival so beliebt, dass bis zu 1500 Personen auf die Lenzburg hinaufstiegen. 

Der Folk war aus den USA nach Europa hinübergeschwappt und so mit einiger Verspätung auch in der Schweiz angekommen. «In den ersten Jahren wurden vor allem englische Lieder gesungen», sagt Liedermacher Urs Hostettler, der am Festival «mittendrin» war.

Als Musiker und im OK. Doch das Ziel der Organisatoren war es, auch Volksmusik mit V zum Klingen zu bringen. Im Fernsehbeitrag von «Bevor 8» ist ein Walliser Jüngling zu sehen, der in weissem Hemd und roten Gilet nach seinem Hackbrettspiel (Gebrüder Volken) erklärt: «Die Leute hier sind schon etwas anders als im Wallis.»

Die Musiker am Folkfestival suchten denn auch nicht das Bündnis mit den damals beliebten Jodlerchörli oder Ländlerkapellen – Urs Hostettler nennt das «Blumentrogmusik». «Viele machten sich auf die Suche nach musikalischen Wurzeln.»

Sie fanden alte Schweizer Melodien oder liessen die Geige wieder auferleben. . «Seither werden tatsächlich wieder mehr traditionelle Schweizer Volkslieder aller Art gesungen als vor den 70er-Jahren», sagt Hostettler.

Friedliche Stimmung und spontanes Musizieren

Barbara Schirmer aus Walde spielte Geige und trat mit ihrer Schürmülimusig viermal am Folkfestival auf. «Ganz toll» sei das gewesen. Sie erinnert sich noch gut an die friedliche Stimmung und den belebten Innenhof.

Auf dem ganzen Gelände sei es auch abseits der Bühnen immer wieder zu spontanen Jam-Sessions gekommen. Ein Auftritt dauerte in der Regel nur eine Viertelstunde, so konnte eine Vielzahl von Bands auftreten. Aus ganz Europa reisten sie an und auch bekannte Schweizer Namen wie Toni Vescoli, Minstrels (Grüezi wohl, Frau Stirnimaa) oder Pfuri, Gorps & Kniri.

Dass das Folkfestival nicht die Akzeptanz eines heutigen Open Airs genoss, zeigt die Reaktion von Barbara Schirmers Verwandten aus dem Appenzellischen: «Die haben die Nase gerümpft.» Doch im Schlosshof sei das Zusammenspiel von F und V hervorragend verlaufen.

1980 fand das letzte Folkfestival statt. Der Hype war langsam vorbei, die Musik wurde rockiger und elektronischer. Auf Bob Dylan folgte das Konzert von Bob Marley im Hallenstadion; auf den akustischen Widerstand hinter Schlossmauern eine neue Jugendbewegung mit Opernhauskrawallen und Protesten auf der Strasse. Der Folk war allerdings nicht tot, er spielte auf anderen Bühnen weiter.

Die Aufnahmen des Folkfestivals sind digitalisiert worden und sollten ab nächstem Jahr öffentlich zugänglich gemacht werden. Das Schloss kann immer noch für Anlässe aller Art gemietet werden. Doch anstelle des Rasens, auf dem in den 70er-Jahren musiziert und geplegert wurde, steht heute ein barocker Garten mit Hecken in Reih und Glied.

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