Gerichtsfall

Angeklagter telefoniert im Wartezimmer — Staatsanwalt zweifelt an seiner Einsicht

Der Angeklagte raste der Polizei innerorts mit über 100 km/h davon. (Symbolbild)

Der Angeklagte raste der Polizei innerorts mit über 100 km/h davon. (Symbolbild)

Ein junger Mann musste sich wegen eines Verkehrsdelikts dem Bezirksgericht Lenzburg verantworten. Es scheint jedoch, als habe er den Ernst der Lage nicht verstanden. Dieser Meinung ist zumindest der Staatsanwalt.

Das Wartezimmer am Lenzburger Bezirksgericht verdient eigentlich nicht mal die Bezeichnung Zimmer. Es ist eine Art Blinddarm am Hauptweg von der Treppe am Schalter vorbei zum Gerichtssaal. Und auch etwa so gemütlich.

Da es das einzige Wartezimmer für den grossen Gerichtssaal ist, sitzen oft beide Parteien sehr nahe aufeinander in diesem Appendix. Weil es kein Fenster gibt, kann man dabei nicht mal so tun, als ob draussen etwas Spannendes geschehen würde. Man sitzt und wartet in anstrengender Stille. So wie gestern, als ein zierlicher junger Mann in Hosen mit grünem Tarnmuster und einem schwarzen Kapuzenpulli neben seinem Verteidiger im Wartzimmer sass.

Ein Meter weiter wartete der Staatsanwalt. Der junge Mann knackt mit den Fingern, kratzt sich am Bart. Ein Handy vibriert, der junge Mann nimmt ab. «Am Gericht», sagt er. «Weiss nicht, nicht lange.» Er spricht leise, doch im Gegensatz zum Gerichtssaal bleibt im Wartezimmer nichts verborgen.

Es ist dieses Telefongespräch, das den Staatsanwalt an der Verhandlung zu einer Wortmeldung motivierte. Eigentlich wäre schon alles klar gewesen. Die Verteidigung hatte um ein abgekürztes Verfahren ersucht, auf das Strafmass hatte man sich vor der Verhandlung geeinigt, plädiert wurde vor Gericht nicht. Aber das musste jetzt raus. «Haben Sie eigentlich den Ernst der Lage verstanden?», fragte der Staatsanwalt den angeklagten jungen Mann. «Ich hätte mein Handy zu Hause gelassen und Sie telefonieren im Warteraum noch mit ihrem Kollegen?»

Mit 100 km/h durchs Wohnquartier gerast

Der Angeklagte war unter anderem der qualifizierten groben Verletzung der Verkehrsregeln angeklagt. Im April vor einem Jahr machte er mit dem Auto seiner Eltern und ohne Fahrausweis eine üble Spritztour. Mit einem Kollegen auf dem Beifahrersitz raste er von seinem Wohnort, einer Zürcher Agglo-Gemeinde, nach Lenzburg, wo er in eine Polizeikontrolle geriet. Anstatt zu halten, fuhr er davon.

Nachdem er sich ein paar Minuten «versteckt» hatte, wie es in der Anklageschrift heisst, fuhr er weiter in Richtung Schafisheim. Dort erkannte ihn eine Polizeipatrouille und versuchte, ihn zu stoppen. Der junge Mann hielt wieder nicht an, sondern raste davon. Jetzt verfolgte ihn ein Polizeiauto mit Blaulicht. Er kannte sich im Aargau nicht aus und fuhr trotzdem innerorts mit 102 Kilometern in der Stunde durch ein Wohnquartier. Er ignorierte Sicherheitslinien und ein Fahrverbot, schnitt Kurven, fuhr auf der Gegenfahrbahn und raste über einen Weg, auf dem Passanten nicht mit Autos rechnen.

Die chaotische Fahrt endete im Dorfzentrum, wo der junge Mann das Auto seines Vaters zwischen zwei Pollern verkeilte. Wie sich später herausstellte, hatte er auf der Fahrt noch eine Taschenlampe mit Elektroschockfunktion und Laser dabei, mit der er gegen das Waffengesetz verstiess.

Die Eltern zahlen die Rechnungen

Die Ernsthaftigkeit der Lage war in einer mehrseitigen Anklageschrift beschrieben und endete mit einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten mit einer Probezeit von drei Jahren. Sowie einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen zu 100 Franken und einer Busse von 6000 Franken. Nicht nur das Telefongespräch liessen Zweifel aufkommen, ob der Angeklagte den Ernst der Lage verstand. Er scheint auch mit dem Ernst des Lebens Mühe zu haben. Er ist bereits vorbestraft, eine Lehre brach er ab. Momentan lässt er sich in einem Kurs mit zwei Lektionen pro Monat zum Privatdetektiv ausbilden. Er wohnt bei seinen Eltern, die seine Rechnungen zahlen. Einen Nebenjob zu finden, sei ihm nicht gelungen.

Das Gesamtgericht unter Präsidentin Danae Sonderegger sprach den Angeklagten gemäss der Anklageschrift schuldig. Zwei Jahre Gefängnis bedingt, einer Geldstrafe von 1000 Franken mit einer Probezeit von drei Monaten. Dazu eine Busse von 6000 Franken sowie Gebühren in der Höhe von mehreren tausend Franken.

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