Lenzburg

Bekannte Bilder eines unbekannten Malers: Wer hat einen Büchli auf dem Estrich?

Marc Seidel vor den «Büchlis» am Angelrainschulhaus.

Marc Seidel vor den «Büchlis» am Angelrainschulhaus.

Der Maler Werner Büchli aus Lenzburg hat in der ganzen Region Spuren hinterlassen. Trotzdem kennt ihn kaum jemand.

Der Maler Werner Büchli ist aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Doch bestimmt hat jede Lenzburgerin und Lenzburger schon einmal ein Bild von Büchli gesehen. Die Spezialität des 1942 verstorbenen Lenzburger Malers war der menschliche Körper. Zehn Jahre hat er an der Universität Basel als Zeichner wissenschaftlicher Präparate einen Namen gemacht.

Im Vorwort eines anatomischen Atlas wird Werner Büchli so erwähnt: «Dem Künstler dem wärmsten Dank für viele harte Wochen, die er mit mir, voll Aufopferung, zugebracht hat an der Leiche und am Zeichenpult.» Das Resultat lässt sich sehen, in Lenzburg und der ganzen Region. Werner Büchli hat mit seinen Wandbildern zahlreiche öffentliche und private Gebäude geprägt. Sein Stil ist einprägsam: kraftvolle Körper in Sujets aus den Genres Sport, Bildung und Heimatgeschichte.

Nationalgefühl am Angelrainschulhaus

Werner Büchli hat die prägnanten, meterhohen Sgraffiti am Angelrainschulhaus gemalt. Wer hier ein- und ausgeht, wird von den Herren Tell, Winkelried, Zwingli und Pestalozzi flankiert. Alle detailreich in Szene gesetzt. Winkelried mitten in der Schlacht, Tell wird gerade abgeführt, Zwingli blickt streng drein, Pestalozzi etwas milder. Diese Sujets sind typisch für die Zeit, in der sie entstanden sind, Anfang des 20. Jahrhunderts. Diese Männer wurden quasi als Influencer verwendet. «Sie waren Identifikationsfiguren und Moralapostel», sagt Marc Seidel, Leiter des Museums Burghalde. Die Schweiz als Bundesstaat existierte noch nicht lange, ein Nationalgefühl sollte geschaffen werden. Helden, Dichter, Musiker und Anlässe wie Schützen- und Sportfeste dienten dazu, einen Nationalstolz herauszubilden. Auch der 1. August wurde zu dieser Zeit erstmals als Bundesfeiertag gefeiert. In der Aula des Angelrainschulhauses sind Werner Büchlis Bilder farbig und etwas weniger kriegerisch, Astronomie und der Alpenmythos kommen zum Zug und auch Frauen als übersinnliche Schönheiten oder Allegorien für die Natur werden abgebildet.

Doch Büchli hat nicht nur Wandbilder erstellt, er hat auch Bilder auf Leinwand gemalt. Nächstes Jahr wäre der 150. Geburtstag des 1871 geborenen Werner Büchli. Marc Seidel möchte zu diesem Anlass eine kleine Ausstellung und Führungen vorbereiten. Ein paar Gemälde hat er im Fundus des Museums bereits aufgespürt. «Doch es gibt bestimmt noch mehr», vermutet er. Er möchte deshalb die Bevölkerung aufrufen, Estriche und Keller nach Werken von Büchli zu durchsuchen.

«Nach seinem Tod wurden seine Bilder verkauft und sind meist nicht mehr greifbar», sagt er. «Der uns vorliegende Fundus zeigt meisterhaftes Können.» Gern würde er noch mehr davon sehen. «Ich bin mir sicher, dass sich in den Privatbesitzen noch viele Bilder und vielleicht auch Archivalien zu Büchlis Leben befinden.»

Ein Maler mit prestigeträchtigen Aufträgen

Über den Maler Werner Büchli ist nicht viel Privates bekannt. In Lenzburg aufgewachsen, kehrte er nach Jahren in Deutschland und Basel zurück in sein Elternhaus an die Seonerstrasse. Dort malte er den Ritter Parzival an den Giebel. Unterdessen wurde es abgerissen. Büchlis Bilder zieren dafür noch heute diverse öffentliche Gebäude in der Umgebung, zum Beispiel den Eingang des Schulhauses in Rupperswil, die Westfassade der Turnhalle Oberentfelden. Büchli hat mitunter prestigeträchtige Aufträge erhalten. Für das Vindonissa-Museum in Brugg hat er römische Gottheiten gemalt und auch in der Abdankungshalle in Aarau sowie im Friedhof Rosengarten in Brugg ist seine Kunst zu finden. Für die Abdankungshalle des Friedhofs Sihlfeld in Zürich hat er schaurig anmutende Wandbilder entworfen. Bei den Schulen dagegen zeichnete er das blühende Leben. In Lenzburg hat es noch weitere Büchlis im öffentlichen Raum. Zum Beispiel der Fahnenträger am Eckhaus an der Poststrasse/Torgasse. Hochschauen von der Poststrasse lohnt sich.

Ein ganz spezielles Stück von Werner Büchli hat Seidel schon: zwei Kirchenfensterentwürfe auf Holz. In den 30er-Jahren wurde Büchli von der Kirchenpflege beauftragt, Entwürfe für zwei Chorfenster vorzulegen. Doch Büchli, damals schon ein renommierter Künstler, wollte gleich den ganzen Innenraum umgestalten. Seine Vorschläge wurden von der Kirchenpflege als «unreformiert» empfunden, wie die Kirche schreibt. Ein anderer gestaltete die neuen Fenster, die 1938 eingeweiht wurden. Werner Büchlis Entwürfe wurden nie auf Glas gemalt. Was er sich wohl für den Rest der Kirche ausgedacht hat?

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