Bezirksgericht Lenzburg
Im Tankstellen-Shop massenhaft Lotto-Scheine ergaunert: 25-Jähriger entgeht Landesverweis

Ein Angestellter (25) stand kürzlich vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Er hatte als Tankstellen-Angestellter mit nicht bezahlten Scheinen im Wert von 92'888 Franken insgesamt 31'434 Franken gewonnen.

Valérie Jost
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Der Tatort: die Coop Pronto-Tankstelle in Hunzenschwil.

Der Tatort: die Coop Pronto-Tankstelle in Hunzenschwil.

Valérie Jost

Es ging um eine beachtliche Summe gestern am Bezirksgericht Lenzburg: Um 92'888 Franken hat Ardit (Name geändert) 2019 seinen damaligen Arbeitgeber, die Coop-Pronto-Tankstelle in Hunzenschwil, geprellt. Während der Arbeit spielte er praktisch täglich «Quick-Tips» von Euromillions und Swisslotto, bezahlte die aber nicht. So machte er in 5½ Monaten Anstellung einen Gewinn von mindestens 31'434 Franken, heisst es in der Anklageschrift. Die Staatsanwaltschaft forderte eine bedingte einjährige Haftstrafe, eine Busse von 8'000 Franken und einen 10-jährigen Landesverweis.

Vor Gericht zeigte sich Ardit einsichtig und reuig, die Vorwürfe bestritt er nicht. «Es tut mir sehr leid, der Teufel war in mir», sagte er in breitestem Schweizerdeutsch. Die Scheine habe er, wie wenn er sie einem Kunden verkaufen würde, aus dem Lottoterminal genommen, sie verborgen gesammelt oder in der Tasche versteckt. Mit dem Geld habe er seinem krebskranken Vater helfen wollen, einen neuen Magen zu finanzieren. Zudem habe er es zur Abbezahlung von Schulden und Betreibungen sowie zum Lebensunterhalt seiner Familie verwendet, die Ergänzungsleistungen bezieht.

Auf dem richtigen Weg

Um an Geld zu kommen, spielt er auch weiterhin im Onlinecasino. Rund 13'000 Franken habe er die letzten zwei Jahre verzockt. Dank seiner Frau sei er nun zur Vernunft gekommen; wegen seiner Spielsucht geht er seit Juli wöchentlich zur ambulanten Therapie, bald auch in die Spielsucht-Selbsthilfegruppe.

Ardit sei «auf dem richtigen Weg», so sein Pflichtverteidiger. Er habe auch die Zivilforderung des Tankstellen-Geschäftsführers begonnen zurückzuzahlen. «Momentan kann ich nur 200 Franken pro Monat zahlen. Ich verdiene jetzt als Postbote 4'200 Franken netto und meine Frau arbeitet nicht, weil gerade unser drittes Kind zur Welt gekommen ist», so Ardit. Er hoffe jedoch, bald 1'000 Franken monatlich zurückgeben zu können: Er wolle eine Weiterbildung machen, habe dann einen neuen Job in Aussicht und seine Frau werde wieder arbeiten.

In Serbien keine Chance auf Eingliederung

Neben dem unbestrittenen Tatbestand («gewerbsmässiger Missbrauch einer Datenverarbeitungsanlage») war der grösste Punkt der Verhandlung die beantragte 10-jährige Landesverweisung. Der Verteidiger argumentierte für einen persönlichen Härtefall – Ardit sei seit dem vierten Lebensmonat in der Schweiz und gut integriert, «ein waschechter Solothurner».

Zudem wäre Ardit als Mitglied der Roma-Ethnie und mit serbischem Pass, aber ohne Serbisch zu sprechen (neben Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch spricht er aber Albanisch), in Serbien «doppelter Diskriminierung» ausgesetzt. In seiner gesamten beruflichen Karriere von über 35 Jahren habe er deshalb «noch nie einen solch schweren Härtefall gesehen». Auf einen Landesverweis sei zu verzichten und, wegen der ärztlich bestätigten Spielsucht, die bedingte Haftstrafe auf acht Monate sowie die Busse auf 5'000 Franken zu reduzieren.

Gerichtspräsident Daniel Aeschbach ging nicht auf die Strafreduktionen ein («die Strafen sind adäquat»), jedoch auf den Verzicht auf einen Landesverweis. «Dieser scheitert an der Möglichkeit zur Wiedereingliederung im Herkunftsstaat.»

Ardit erhielt, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, eine bedingte einjährige Haftstrafe bei drei Jahren Probezeit und 8'000 Franken Busse. Daneben muss er die Kosten der Lottoscheine zurückzahlen und die Verfahrenskosten, die Anklagegebühr (1'400 Franken) und die Anwaltskosten der Gegenseite (etwa 2'000 Franken) übernehmen. Die Kosten für seinen Verteidiger (11'600 Franken) übernimmt die Staatskasse, bis er zur Rückzahlung in der Lage ist.

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