Lenzburg
Das hiesige «Cholerahaus» musste dem namentlichen Zweck nie dienen

Die Stadt blieb von der Cholera verschont. Was blieb, ist «viel Lärm um nichts» rund um die Schützenmatte.

Heiner Halder
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Das Cholerahaus im Hintergrund: Der linke Gebäudeteil wurde vorsorglich an das Schützenhaus angebaut, der Name auf das ganze Haus übertragen.

Das Cholerahaus im Hintergrund: Der linke Gebäudeteil wurde vorsorglich an das Schützenhaus angebaut, der Name auf das ganze Haus übertragen.

Chris Iseli

Viel Lärm um nichts? Schon Shakespeare konnte unter diesem Titel Tragisches und Komödiantisches vereinen. Was das Lenzburger Cholerahaus und seine Umgebung betrifft, lässt sich ebenfalls dergestalt rubrizieren.

Als fundierter und gut dokumentierter Kenner der Lenzburger Historie hielt alt Stadtschreiber Christoph Moser beim Gönnerkreis Museum Burghalde vor vollem Saal Rückblick auf die wechselvolle Geschichte jener Gegend, «wo heute noch stattfindet, was in der Stadt nicht stattfindet».

Das Cholerahaus ist anno 1831 als hölzerner Anbau an das schon 1735/36 errichtete Schützenhaus für die Aufnahme von Cholerakranken errichtet und später in Stein aufgemauert und unterkellert worden. Seinem Zweck musste er allerdings nie dienen, obwohl seine Errichtung grosse Umtriebe ausgelöst hat. Eben: viel Lärm um nichts.

Dasselbe lässt sich buchstäblich auch von den 1980er-Jahren sagen, als der Schiesslärm von der Schützenmatte weg in die neue Schiessanlage in der Kiesgrube Lenzhard verlegt wurde. So tragen Cholerahaus und Schützenmatte heute ihre Bezeichnungen lediglich noch als Andenken an die alten Zeiten.

Schon unter der Berner Herrschaft war das Schiesswesen politisch und gesellschaftlich von grosser Bedeutung. Der Schiessplatz lag bis 1736 am nördlichen Fusse des Schlossbergs; es musste über die Landstrasse nach Baden geschossen werden, was laut Urkunde «denen reisenden fürchterlich und gefährlich gewesen».

Das Schützenhaus musste verlegt werden, wofür die heute als 6 Hektaren grosser Grünraum frei gehaltene Fläche aus vielen kleinen Privatparzellen zu einer Allmend zusammengekauft werden musste.

1736 wurde das Gebäude mit grossen Festivitäten eingeweiht. Welche Bedeutung der Schiessstatt zukam, geht aus der Anlage einer Allee an der Zufahrt hervor, von welcher noch einige Bäume vorhanden sind.

Auch später in schwierigen Zeiten investierte die Stadt immer wieder zugunsten des Schiesswesens: So 1911 mit der Schaffung des «Durchbruchs», um für ein Schützenfest den direkten Zugang aus der Altstadt zum Bahnhof zu gewährleisten.

Parallelen zum Asylwesen heute

Die Cholera suchte Europa in verschiedenen Wellen heim. Die Obrigkeit hatte schon 1831 prophylaktische Massnahmen zur Unterbringung der Cholerakranken angeordnet. Die Parallelen zum heutigen Asylwesen sind frappant: Die Suche nach geeigneten Unterkünften war schwierig, Lenzburg entschloss sich schliesslich für einen Anbau am Schützenhaus.

Die Ortsbürgerversammlung erteilte dem ratlosen Stadtrat die Bewilligung, «eine zweckmässige Anstalt zur Aufnahme von 12 bis 14 Kranken, nebst den erforderlichen Zimmern für Abwart, Küche usw. im Falle der einbrechenden Krankheit dem hiesigen erkrankten Publikum die erforderliche Hülfe zu bieten geeignet sey» zu planen.

Weil die Cholera an Lenzburg vorbei ging, wurde 1832 die Einrichtung gestoppt. 1854, als es wieder ernst galt und die Epidemie im Aargau 261 Tote forderte, sah der Gemeinderat indes von der Einrichtung ab, um bei den Einwohnern nicht unnötige Ängste zu verbreiten. Viel Lärm um nichts also.

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