Seengen
Der neue Ammann meidet das heikle Wort «Fusion»

Der neue Seenger Gemeindeammann Jörg Bruder ist ein Senkrechtstarter. Er ist offen für engere Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden. Zumal der Druck des Kantons grösser werden dürfte.

Fritz Thut
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Der neue Seenger Gemeindeammann Jörg Bruder vor dem Gemeindehaus.

Der neue Seenger Gemeindeammann Jörg Bruder vor dem Gemeindehaus.

tf

«Ich will die Weiterentwicklung von Seengen aktiv begleiten und steuern.» Die Motivation für die Übernahme des zeitintensiven Amtes als Gemeindeammann der grössten Gemeinde am Hallwilersee holt Jörg Bruder in seinem Naturell, stets etwas bewegen zu wollen und in seiner Liebe zu seinem Wohnort.

Jörg Bruder persönlich

Geburtsdatum: 22. August 1969
Geschwister: 3 ältere Brüder
Zivilstand: verheiratet, 1 Kind
Hobbys: Ausdauersport zum Ausgleich
Lieblingslektüre: Zwei Tageszeitungen
Lieblingsschauspieler: Bruno Ganz
Lieblingsort in der Gemeinde: Der Wald oberhalb des Dorfes
Grösster Wunsch: Die Work-Life-Balance zu behalten

Der Nachfolger von Nelli Ulmi, die nach 16 Jahren in der Exekutive, davon die letzten 8 an deren Spitze, nicht mehr angetreten ist, ist ein so-genannter «Senkrechtstarter». Einer, der bisher nicht im Gemeinderat sass und gleich das oberste Amt anvisierte - und dieses recht locker erreichte. Mit einem sehr guten Wahlresultat verteilten die Seenger Stimmbürger quasi Vorschusslorbeeren.

Doch mit dem Ortsbürger Jörg Bruder, einem Exponenten einer eingesessenen Traditionsfamilie, hat man nicht die Katze im Sack «gekauft». In den letzten acht Jahren hat der neue Ammann als Präsident der Finanzkommission geamtet und so einen tiefen Einblick ins Wesen der Wohngemeinde erhalten.

Das Wissen, wie die kleinsten Elemente der öffentlichen Hand ticken, braucht Bruder auch in seinem Beruf: Er ist Partner in einer Treuhand- und Beratungsfirma in Aarau und dort verantwortlich für den Bereich Gemeindeberatung. Vor drei Jahren hat er eine Weiterbildung an der Hochschule Luzern mit dem Master in Public Management abgeschlossen.

Attraktiver Schulstandort bleiben

Dieses Studium ist auch der Hauptgrund, wieso er erst jetzt für Gemeinderat und -ammann kandidierte. Doch seit Anfang Jahr ist er mit viel Elan und Freude am Werk, wie man im Gespräch spüren kann.

In typischer Macher-Manier spricht er nicht von Problemen, sondern von «Herausforderungen», wenn er aufzählt, wo er in den nächsten Monaten und Jahren den Hebel ansetzen will: «Das Wachstum soll in normalen Bahnen weitergeführt werden und zudem soll Seengen weiter ein attraktiver Schulstandort bleiben.»

Nach dem starken Zustrom an neuen Einwohnern in den letzten Jahren stellt sich natürlich die Frage, wo die «normalen Bahnen» verlaufen. Bruder erachtet ein Wachstum «von einem bis zwei Prozent im Jahr als erstrebenswert», verweist aber im gleichen Atemzug auf die Selbstregulierung durch Angebot und Nachfrage: «Das Wachstum wird weitgehend durch äussere Kräfte bestimmt.»

In Seengen stimmen diese Rahmenbedingungen und der neue Gemeindeammann weiss, wo die Grenzen liegen: «Die aktuelle Bau- und Nutzungsordnung lässt eine Einwohnerzahl von 4500 zu.»

Aktuell zählt man 3700 Bewohner. Und Bruder kennt zahlreiche Argumente, um weitere Familien zu animieren, ihren Wohnsitz ans Nordende des Hallwilersees zu verlegen: Intakte Dorfgemeinschaft, interessante Wohnlagen, sämtliche Volksschulstufen im Ort, gute Infrastruktur, Einkaufsmöglichkeiten für den täglichen Bedarf und nicht zuletzt der tiefe Steuerfuss von 80 Prozent, zählt er spontan auf.

Gestalten nicht verwalten

Bruder will sich auch angesichts dieser rundum positiven Aspekte nicht im gemachten Nest ausruhen. Gestalten nicht verwalten ist seine Idee und so will er bei der Gemeinderats-Klausur im nächsten Monat schauen, dass strategische Fragen nicht zu kurz kommen. Angedacht ist nicht nur ein «Regierungsprogramm», sondern auch die Entwicklung eines Gemeindeleitbildes mit einer Perspektive von rund 10 Jahren.

In diesem Zeitraum wird - das weiss Jörg Bruder auch aus seiner beruflichen Tätigkeit - die Zusammenarbeit unter den einzelnen Gemeinden intensiver werden: «Der Änderungsprozess im Aargau wird weitergehen und der Druck des Kantons zunehmen.»

Die Gemeinde Seengen sei bei den bestehenden Kooperationen in den Bereichen Finanzen, Steuern, Betreibungsamt und Bauverwaltung offen für weitere Gemeinden.

«Die Zusammenarbeit, wie sie heute gelebt wird, ist sehr gut und kann allenfalls noch intensiviert werden, wenn alle Beteiligten dafür bereit sind», bleibt Bruder diplomatisch - und wie die allermeisten Amtskollegen hütet er sich, das Wort «Fusion» in den Mund zu nehmen: «Dieser Begriff hat im Moment noch einen schlechten Beigeschmack.»

Positive Gespräche

Gemeindeintern hat sich Jörg Bruder gut eingeführt: Schon nach wenigen Tagen lud er die verschiedenen Abteilungsleiter der Verwaltung an einen Tisch, stellte sich vor und hörte sich die Ziele an. In einer nächsten Phase stehen Gespräche mit allen Abteilungen und ihren Mitarbeitern an. Eine Zwischenbilanz fällt positiv aus: «Ich habe eine sehr gut motivierte Verwaltung angetroffen.»

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