SBB-Railclean
Der Putzmann mit dem Schwarzen Gürtel: «Ich habe mich noch nie über meinen Job beschwert»

Ali Parlak reinigt Bahnhöfe. Betrunkene urinieren dort ungeniert auf den Boden und Anzugträger entsorgen illegal Abfall. Trotzdem liebt Parlak seinen Job. Denn oft ist er auch Retter in der Not.

Pascal Meier
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«Ich weiss nie, was ich an einem Bahnhof antreffe»: Ali Parlak auf seiner Putztour, fotografiert im Bahnhof Turgi.

«Ich weiss nie, was ich an einem Bahnhof antreffe»: Ali Parlak auf seiner Putztour, fotografiert im Bahnhof Turgi.

Pascal Meier

Am Bahnhof Lenzburg ruft eine Frau um Hilfe. Sie eilt zu einem Mann auf dem Mittelperron. Er liegt am Boden, rührt sich nicht. Neben ihm verläuft Gleis 2. Hier donnern Schnellzüge mit über 100 km/h durch den Bahnhof. Ein gefährlicher Ort.

Der Mann ist sturzbetrunken und kaum ansprechbar. «Zürich», bringt er knapp über die Lippen, als ein SBB-Angestellter ihn fragt, wo er wohnt. Der Angestellte ist Ali Parlak (58) aus Oftringen. Er arbeitet bei SBB-Railclean, deren Reinigungsteams Züge und Bahnhöfe sauber halten. Jetzt kniet Ali Parlak neben dem jungen Mann und hält ihn fest. «Ich hatte Angst, dass er aufsteht, torkelt und dann aufs Gleis fällt», sagt Parlak später der Bahnpolizei. Knapp zwei Stunden hatte er sich um ihn gekümmert. Der Müll musste warten.

Wer bei SBB-Railclean arbeitet, tut mehr als Putzen. Das erzählt Ali Parlak, den wir an einem kühlen Herbstmorgen beim Bahnhof Lenzburg treffen. Er nimmt uns mit auf seine Reinigungstour zu den Bahnhöfen Turgi, Mellingen-Heitersberg und Lenzburg. «Wir sind für Bahnkunden wichtige Ansprechpartner», sagt er unterwegs im Auto. Die Sandwiches neben ihm rührt er nicht an. Der Türke, der seit 45 Jahren in der Schweiz lebt («Türkisch ist nur noch mein Name»), hat viel zu erzählen. Denn schön über 20 Jahre arbeitet er bei den SBB. «Viele Leute fragen, wo ihr Zug fährt.» Den Fahrplan der Region kennt Parlak auswendig. Der SBB-Mitarbeiter hilft auch Müttern mit Kinderwagen und unterstützt Senioren am Billettautomaten.

Im Herren-WC steht ein Mixer

Ali Parlak und seine Kollegen von SBB-Railclean füllen damit eine Lücke. In vielen Bahnhöfen haben die SBB ihre Schalter geschlossen und das Personal abgezogen. Nur noch Railclean schaut hier ein- bis zweimal am Tag zum Rechten.

Zum Glück: Oft ist Ali Parlak zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Als der betrunkene Mann im Bahnhof Lenzburg lag, zum Beispiel. «Ich weiss nie, was ich auf meiner Tour antreffe.» Am Bahnhof Hunzenschwil war er vor längerer Zeit um 4 Uhr morgens einer Frau begegnet. Eine Gestrandete. Ali Parlak brachte sie nach Lenzburg, wo schon Züge fuhren. Sie verabschiedet sich mit einem «Thank you very much». Gern geschehen.

Manchmal kann Ali Parlak nur noch staunen. Er staunt, wenn plötzlich alle Wände in der Lenzburger Bahnhof-Toilette mit schwarzem Filzstift vollgeschrieben sind. Auch die WC-Schüssel. Noch mehr staunte er einmal in Wohlen: Jemand hatte im Männer-WC mit viel Liebe ein ganzes Geschirr-Set aufgestellt. Und einen Mixer.

Der Bahnhof, eine Welt für sich.

Übel riechendes Fleisch im Abfall

In der Zwischenzeit haben wir den Bahnhof Turgi erreicht. Station Nummer 1 auf Ali Parlaks heutiger Reinigungstour. Er kontrolliert die Perrons und zieht Säcke aus den Kübeln. Prall gefüllte Säcke mit PET-Flaschen, Dosen und Pendlerzeitungen.

Dann wischt der SBB-Mann die Unterführung. Ein Kaugummipapier, das widerspenstig am Boden klebt, steckt er von Hand in den Abfallsack. «Sieht doch alles super aus», sagt er nach einer Stunde. «Jetzt kann ich mit gutem Gewissen gehen.» Der 58-Jährige ist gut gelaunt. Das ist nicht immer so. Vor allem dann nicht, wenn der Vorplatz des Bahnhofs vermüllt ist – jener Ort, wo Jugendliche abhängen.

2,3 Quadratkilometer Fläche...

... reinigen die etwa 400 Mitarbeiter von SBB-Railclean jeden Tag. Sie sind rund um die Uhr in den Bahnhöfen unterwegs sowie in Zügen. Die Railclean-Teams beseitigen nicht nur Abfälle von grossen bis hin zu kleinen Bahnhöfen. Sie entfernen auch Graffiti, kümmern sich um Grünflächen und räumen Schnee.

Auch unverdächtige Menschen werden an den Bahnhöfen zu Abfallsündern. Geschäftsleute im Anzug entsorgen ihren Haushaltkehricht. Die Sackgebühr ist so gespart und das GA schneller amortisiert.

Das tun auch Menschen ohne Anzug: Bis 80 Prozent des Abfalls an den Bahnhöfen stammt aus privaten Haushalten, schätzt Ali Parlak. Die SBB haben keine genauen Zahlen und können das nicht bestätigen. Doch Parlak hat es mit eigenen Augen gesehen: «Da werden ganze Säcke durch den Schlitz in den Abfallkübel gedrückt.»

Was zu gross ist, wird daneben deponiert. Kinderwagen zum Beispiel, und alte Koffer. In Othmarsingen entsorgt jemand regelmässig Kleider am Bahnhof, in Rupperswil altes Fleisch. «Das stinkt immer grauenhaft!»

Viel Abfall Ein grosser Teil stammt aus dem Privathaushalt, ist Ali Parlak überzeugt.

Viel Abfall Ein grosser Teil stammt aus dem Privathaushalt, ist Ali Parlak überzeugt.

Nächster Halt auf der heutigen Reinigungstour: Bahnhof Mellingen-Heitersberg. Innert weniger als 20 Minuten leert Ali Parlak die Kübel und wischt die Perrons. Was ihn auch hier ärgert: Der Teppich aus Zigarettenstummeln bei den Gleisen. Die Reinigung mit Spezialsauger ist aufwendig. Das Gleis muss dafür extra gesperrt werden.

Nach dem Stopp in Mellingen fahren wir zurück nach Lenzburg. Der Bahnhof wird vom Railclean-Team Hunzenschwil gereinigt, wie jener in Turgi und Mellingen. Parlak und seine neun Kollegen haben ihre Basis im Hunzenschwiler Bahnhof. Jeden Tag sind sie von 5 bis 22 Uhr in zwei Schichten unterwegs. Zum Gebiet gehören die Strecken Lenzburg–Küngoldingen, Lenzburg– Mellingen und Lenzburg–Rekingen.

«Ich habe mich noch nie über meinen Job beschwert.»  Ali Parlak am Bahnhof Turgi

«Ich habe mich noch nie über meinen Job beschwert.»  Ali Parlak am Bahnhof Turgi

Am meisten zu tun hat das Hunzenschwiler Team im Bahnhof Lenzburg, dem drittgrössten im Kanton. Dieser wird zwischen 9 und 10 Uhr sowie am späten Abend gereinigt. Die 25 000 Reisenden, die hier jeden Tag ein- und aussteigen, hinterlassen viel Abfall.

Probleme gibt es zudem mit Alkoholikern: Ganze Abfallsäcke sind mit Bierflaschen gefüllt. Wo sich die Alkoholiker treffen, liegen Scherben. Manche urinieren auf den Boden. Auch vor Pendlern. Ali Parlak zeigt uns wo: Hinter dem Kebab-Stand, gleich neben dem Busbahnhof. Einmal hat er einen Betrunkenen deswegen angesprochen. Der Bahnhof hat eine Toilette, sagte Parlak. Das kostet aber 20 Rappen, sagte der Betrunkene.

Manche Pendler entschuldigen sich

1000 machen Dreck, einer putzt. So beschreibt Ali Parlak das Verhältnis zwischen Verursacher und Reinigungskolonne. Ein manchmal schwieriges Verhältnis. Manche Pendler lassen Parlak spüren, dass er in deren Augen ein einfacher Putzmann ist. Wenn jemand vor seinen Augen eine Dose Cola auf den Boden wirft, schmerzt das. Vielleicht hätten sie mehr Respekt, wenn sie wüssten: Der dreifache Familienvater kann Karate und hat den Schwarzen Gürtel.

Solche Dinge passieren selten. «Die meisten Zugpassagiere schätzen unsere Arbeit.» Manche entschuldigen sich, wenn Abfall auf den Boden fällt. Manche sagen danke, dass geputzt wird. Und dann gibt es jene, die das Portemonnaie zücken und einen Fünfliber springen lassen. Trinkgeld für eine Arbeit, die viele Zugreisende niemals freiwillig tun würden. Eine Arbeit, die Ali Parlak aber liebt. «Ich habe mich noch nie beschwert», sagt er. Das sind keine leeren Worte: In 20 Jahren war Ali Parlak keinen Tag krank.

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