Unglück von Dürrenäsch
Die Frau, die nicht ins Todes-Flugzeug von Dürrenäsch stieg

Anna Maria Troxler-Fischer besass ein Ticket für den Todesflug nach Rom, musste die Reise dann aber wegen ihren Kinder absagen. Im Bus erfuhr sie vom Unglück und brach auf der Stelle zusammen.

Michael Hugentobler
Drucken
Teilen
Anna Maria Troxler zeigt die Seite im Freundschaftsalbum, welche ihre Freundin beschrieben hatte.

Anna Maria Troxler zeigt die Seite im Freundschaftsalbum, welche ihre Freundin beschrieben hatte.

mhu

Die Freude war gross. Endlich würde sie mal wegkommen von Aarau, sie würde nach Rom reisen, aber nicht im Auto oder im Bus oder im Zug, sondern in einem Flugzeug – eine Art der Reise, die sie sich sonst nicht leisten konnte. Sie würde in Rom aus dem Flugzeug steigen, sie würde mal ausruhen können und es schön haben, sie würde eine Blumenausstellung besuchen. Nur sie und ihre Freundin und Rom, ohne Kinder, ohne Ehemann, ohne Aarau.

Einladung ihrer Freundin

Eine Woche vor dem 4. September 1963 war Anna Maria Troxler-Fischer auf dem Weg vom Girixweg in der Telli, wo sie wohnte, zum Hammer in der Altstadt, wo ihre Mutter wohnte. Sie ging diesen Weg wie jeden Tag, auch heute wollte sie ihre Kinder zu ihrer Mutter bringen. Auf halber Strecke, bei der Stadtgärtnerei an der Mühlemattstrasse, winkte aus einem Gartenbeet ihre Freundin Jeannette Meyer, die Pächterin der Gärtnerei.

Die beiden Frauen kannten sich seit der Bezirksschule, Jeannette Meyer hatte ins Freundschaftsalbum ihrer Freundin «Ein wahrer Christ voll Edelmut auch seinen Feinden Gutes tut» geschrieben, mit einer Schrift so schön, als wäre sie gedruckt, «Zum Andenken, Deine Freundin Jeannette Meyer, Aarau, 22. August 1940». Jetzt, 23 Jahre später, waren sie noch immer Freundinnen, und Jeannette Meyer stand im Blumenbeet und sagte, sie fliege nächste Woche nach Rom an die Blumenausstellung, sie wolle nicht alleine reisen, die Freundin solle doch mit.

Anna Maria Troxler sagte sofort zu. Sie dachte, sie würde sicher jemanden finden, der ihre sechs Kinder hüten werde, denn sie hatte ja ihre Mutter im Hammer und noch sechs Geschwister in der Stadt, jemand würde bestimmt Zeit haben. Aber Leni sagte, sie solle Trudi fragen, und Trudi sagte, sie solle Mutter fragen, und am Schluss hatten alle etwas los. «Da musste ich die Sache abblasen und war traurig, wütend und enttäuscht», sagt Anna Maria Troxler heute. Jeannette Meyer beschloss, alleine zu fliegen und gab das übrige Ticket der Swissair zurück.

Zusammenbruch, als sie es erfuhr

Am 4. September hob das Flugzeug um 7.13 Uhr in Zürich ab, kurz darauf setzte sich Anna Maria Troxler in der Telli in Aarau in den Bus, um in die Stadt zu fahren. Bei der Apotheke Fehlmann an der Vorderen Vorstadt hielt der Bus, sie stieg aus und der Chauffeur sagte, jetzt habe er soeben am Radio gehört, das Flugzeug nach Rom sei abgestürzt.

«Ich wusste sofort, dass das unser Flugzeug war, denn da hätte ich ja drinsitzen sollen», sagt sie. Sie brach zusammen und der Chauffeur trug sie in die Apotheke, wo man ihr Traubenzucker gab und sie wieder auf die Beine kam. Sie ging einkaufen, wie geplant, dann fuhr sie nach Hause.

Am Begräbnis ihrer Freundin wurde ihr bewusst, dass sie jetzt auch hier liegen könnte. Sie war 36 Jahre alt und hatte soeben ein zweites Leben geschenkt bekommen. «Ich empfand enorme Dankbarkeit, ich dachte, das sei eine Fügung.» Ihr Mann sagte, das sei ein Zeichen dafür, dass man nicht immer überall dabei sein müsse.

In den vergangenen fünfzig Jahren dachte Anna Maria Troxler immer mal wieder an diesen Tag zurück, als das Flugzeug über Dürrenäsch aus dem Himmel fiel. Sie dachte sowohl an das Gute als auch ans Schlechte. Aber sie wollte nicht, dass das Schlechte allzu oft hochkommt. «Meine Mutter hat mich gelehrt, dass man die schlechten Sachen im Leben hinter sich lassen muss», sagt sie.

Aktuelle Nachrichten