Hauswirtschaft

Die Lenzburgerin Rosmarie Zobrist las dem Bundesrat die Leviten

Rosmarie Zobrist mit dem «Fleissigen Hausmütterchen», das früher in keinem Haushalt fehlen durfte.Chris Iseli

Rosmarie Zobrist mit dem «Fleissigen Hausmütterchen», das früher in keinem Haushalt fehlen durfte.Chris Iseli

Als die Hauswirtschaft in den 80ern aus dem Schulplan gekippt werden sollte, ging die Lenzburgerin Rosmarie Zobrist bis nach Bern. Gerade bei der Diskussion um Lektionenreduktion im künftigen Lehrplan kommen ihr so einige Erinnerungen hoch.

Dicke Wälzer, aber auch kleine Büchlein hat Rosmarie Zobrist vor sich auf dem Wohnzimmertisch mit geblümtem weissem Tischtuch liegen, die Buchdeckel abgenutzt, die Seiten vergilbt.

«Der Weg zum häuslichen Wohlstand», ein praktischer und unentbehrliches Handbuch für jede Familie, steht auf einem. «Das fleissige Hausmütterchen» auf dem andern. Rosmarie Zobrist greift nach dem dicken «Schunken», hebt in hoch. «Das Werk ist über 120 Jahre alt», sagt sie stolz.

Als ehemalige Hauswirtschaftslehrerin und langjährige Präsidentin der Inspektorinnen für den Hauswirtschaftsunterricht in der deutschen und französischen Schweiz kennt die Lenzburgerin deren Inhalte bestens. «Die Bücher gehörten früher zur Grundausrüstung der Hausfrau», sagt die mittlerweile 88-Jährige. Längst nicht alle Leitfaden haben Zobrists Zustimmung gefunden. «Es hatte solche darunter, deren Inhalte die Frauen einfach nur moralisiert haben», ärgert sie sich. «Nichts als faustdick aufgetragene Moral.» Solche mit Inhalt wie: «Wenn der Mann säuft, dann ist die Frau selber schuld. Dann ist sie zu wenig aufmerksam gewesen.» Rosmarie Zobrist schüttelt den Kopf und lacht herzlich. «Gälled Sie, dass es so etwas gab, ist heutzutage kaum mehr denkbar.» Die Zeit des fleissigen Hausmütterchens sei längst vorbei.

Rosmarie Zobrist ist hellhörig geworden, als zwei Hauswirtschaftslehrerinnen in einem Zeitungsbericht die Lektionenreduktion im künftigen Lehrplan anprangerten (Aargauer Zeitung vom 19. 1.). Erinnerungen seien ihr hochgekommen, lässt die vife und rüstige Rentnerin die Redaktorin wissen. Erinnerungen an die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als die Hauswirtschaft gar aus dem Lehrplan der Volksschule gekippt werden sollte.

Die Verankerung der Gleichstellung von Mann und Frau in der Bundesverfassung im Jahr 1981 habe Wellen bis in die Schulstuben geworfen, erzählt Zobrist. Dort machte man sich daran, das bestehende Ungleichgewicht im Lehrangebot für Mädchen und Knaben auszuschalten, alle sollten die gleiche Pflichtstundenzahl und das gleiche Angebot erhalten. «Leider gab es radikale Ansätze in der Erziehungspolitik, welche die Hauswirtschaft wegrationalisieren wollten. Die bisherigen Lehrpläne für Mädchen hatten sich jenen der Buben anzupassen, basta.» Doch die Lehrplanverfasser hatten die Rechnung ohne die Hauswirtschafts-Inspektorinnen beziehungsweise deren Präsidentin gemacht. Zwei Briefe hat Rosmarie Zobrist geschrieben: Empfänger waren die Konferenz der Erziehungsdirektoren und der damalige Innenminister, Bundesrat Hans Hürlimann. Der Inhalt des Schreibens sprach eine deutliche Sprache. Zobrist liess Bundesbern wissen, dass Hauswirtschaft mehr sei, als einfach nur am Kochherd zu stehen und ein Essen zuzubereiten. Die Hauswirtschaft sei eine unschätzbare Form von Lebenshilfe, eine wichtige Stütze für die jungen Menschen auf dem Weg zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten. Dabei blieb es nicht nur beim Brief. «Wir haben den hohen Herren auch die Kochbücher mitgeschickt.» Und wie haben sie reagiert? Zobrist lacht und macht mit der Hand eine abweisende Bewegung: «Aus dem Bundeshaus kam ein Standardbrief, wohl im Vorzimmer verfasst.» Die Briefe hat Rosmarie Zobrist leider nicht mehr, sie sind mit den übrigen Dokumenten an ihre Nachfolgerin als Präsidentin der Hauswirtschafts-Inspektorinnen gegangen. Schützenhilfe kam hingegen von den Erziehungs-Direktoren. Das Ergebnis: Ganz aus dem Lehrplan gestrichen wurde die Hauswirtschaft nicht, doch wurde die Lektionenzahl schon damals reduziert.

Der Schalk blitzt in den Augen von Rosmarie Zobrist auf, wenn sie von der Intervention an oberster Stelle und dem Erreichten erzählt. Die Kampfeslust ist der zierlichen Frau auch heute noch anzumerken. Ebenso die nächste Frage, welche auf der Hand liegt. «Frau Zobrist, haben Sie ein etwas aufmüpfiges Naturell gehabt?» Zobrist lacht herzlich auf, fährt mit der Hand übers schön gebügelte Tischtuch. «Eine Revoluzzerin war ich bestimmt nicht. Aber wissen Sie, ich bin tatsächlich gerne in die ‹Hackmaschine gumpet›.» Das sei auch nicht weiter erstaunlich, wenn man aus einem politischen Elternhaus komme.

Vif und rüstig ist Rosmarie Zobrist auch heute noch, legt Hand an, wenn sie gerufen wird, und zeigt grosses Interesse an der Entwicklung der Volksschule. «Entwicklungen kann man nicht aufhalten», ist sie überzeugt. Dabei appelliert sie an die Kreativität der Lehrpersonen. Ginge es nach ihr, wüsste sie, wie dem Unabänderlichen zu begegnen ist. Nicht mit einem Brief an den Bundesrat. Nein. Das Schlüsselwort sei interdisziplinäres Schaffen. Die Hauswirtschaftslehrpersonen müssten mit andern Fachbereichen kooperieren. Zum Beispiel? Die Antwort kommt fast wie aus einer Kanone geschossen: «Über gesunde Ernährung kann man sich gut und gerne auch im Biologieunterricht unterhalten.» Das Thema Tischmanieren wäre laut Zobrist auch im Fach «Ethik» gut aufgehoben. «Die Lehrkräfte sind gefordert. Wenn sie nicht wollen, nützt jeder noch so schöne Lehrplan nichts.»

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