Seengen

Die Zauberflöte im Schloss Hallwyl: Frische Luft bringt die Kunst zum Leben

Magisch und verspielt war sie, Mozarts «Zauberflöte». Die Oper wirkte unter dem Gewittersturm auf Schloss Hallwyl besonders lebendig.

Seit wann wird denn da gelacht? Sollte die Königin der Nacht nicht eine fiese, angsteinflössende Figur sein? Auf Schloss Hallwyl erinnert sie eher an eine schrille, wenn auch vielleicht etwas steife Exzentrikerin von einem anderen Stern, die eingewickelt in eine Art Weihnachtsgeschenk-Papier über die Kulissen stolziert. Auf der Rückseite des weiten Kleides, das aus einem tiefblauen, funkelnden Plastik-Material besteht, thront eine überdimensionale, mehrmalig aufgeschlagene Schleife, die an einen Dinosaurier-Kamm erinnert. Christina Rümann, als Kern dieses Überraschungspakets, versprüht ihre Rachegelüste in der wohl bekanntesten Arie («Der Hölle Rache») mit glasklaren Koloraturen. Doch zittern muss vor ihr keiner.

Internationale Bühne im Schloss Hallwyl

Internationale Bühne im Schloss Hallwyl

Gestern feierte die Oper `Die Zauberflöte` trotz launischem Wetter im Hof des Schlosses Premiere. Das Ensemble stammt aus der ganzen Welt. Und genau dies macht laut den Darstellern die Branche so reizbar.

Von ähnlichem Kaliber und dazu quietschvergnügt sind ihre drei Feen, die in der Inszenierung von Regina Heer mit Spielzeugpistolen wild herumwedeln und sich gegenseitig das Rampenlicht streitig machen. Als der Vogelfänger Papageno auftaucht, ist der klamaukige Beginn der Oper komplett. Oder kann es sein, dass das fehlende Operndach und der frische Wind des Open-Air-Feelings im malerischen Innenhof des Schlosses den Zuhörerinnen und Zuhörern schneller ein Schmunzeln und Lachen entlocken, als dies in den heiligen Gemäuern der Kunsttempel der Fall ist? Oder kann es sein, dass der drohende Gewitterhimmel und die verteilten Regenponchos zu einem Gefühl beitragen, bei etwas Besonderem dabei zu sein, und das Publikum deshalb lockerer drauf ist als sonst?

Der weihevolle Ernst, der noch bei der Ouvertüre im Publikum zu spüren war, löste sich jedenfalls schon bald in ein vergnügtes Wohlgefallen auf. Den zunächst etwas unpersönlich und fremd wirkenden Kulissen (zwei fast identische, strahlend weisse und scharf gezackte Türme, welche die rivalisierenden Machtgebiete darstellen) wurde Leben eingehaucht. Über die Distanz des Stücks bewährten sich diese Türme als sinnvolle Begrenzung der Märchenwelt, auch wenn es schade ist, dass das Schloss ausser als Beamer-Projektionsfläche gar nicht einbezogen wird.

Regisseurin Regina Heer ging es aber eben vor allem um die Emotionen der Charaktere und die alles antreibende Kraft der Liebe. Vielleicht drückt dieser Wunsch das Stück ein bisschen zu sehr in Richtung Verniedlichung. In jedem Fall ist ein unterhaltsamer Opernabend daraus geworden, der spätestens beim Auftritt von Papageno auch lauthalse Lacher provozierte. In dem ohnehin sehr passend zusammengestellten Ensemble ragte der Tiroler Martin Achrainer mit seiner liebevoll überzeichneten Figur als Mischung aus Hippie und Indianer besonders heraus. Mit Haut und Haar verkörpert er den Vogelfänger und unterhielt das Publikum über die gesamte Länge der zwei Akte mit seiner herrlich einfältigen, naiv auf sich fixierten Art und einer überzeugenden schauspielerischen Leistung aufs Beste.

Als er sich mit Tamino auf die Suche nach der entführten Pamina begibt, wurde es nicht nur in der Handlung spanend. Auch das Wetter streute mit einigem Donnergrollen zusätzliche Aufregung ein. Die Feststellung dann «sie lebt, sie lebt» kommentiert Petrus mit heftigem Gerumpel, und kurz darauf setzte der erste kräftige Regenguss ein. Das Publikum antwortete mit dem grossen Rascheln und entfaltete die Regenponchos. Ist der Nebenmann, die Nebenfrau noch trocken? Wer einen Platz unter der grossen Linde hatte, war geschützt und konnte nur mit den Darstellern mitzittern (das Orchester war glücklicherweise unter einem Dach), über denen sich die volle Ladung ergoss. Besonders Pamina, die als einzige keine Perücke und nur ein dünnes Kleid trug, war schnell patschnass. Tapfer hielt Anne Ellersiek in ihrer Rolle durch.

Der zweite Akt, war dann vollends verregnet, was jedoch weder die grossartigen Darsteller noch das Publikum verstimmte. Irgendwie hatten alle ihren Spass dabei. Der eine oder andere Sänger wob einen Kommentar zum furchtbaren Wetter mit verbalen oder nonverbalen Äusserungen in seine Rolle ein. Einzelne Zuschauer frohlockten schon in der Pause: «Zum Glück haben wir das Ballkleid zu Hause gelassen.»

Schliesslich herrschte bei dieser sowieso grösstenteils sehr vergnügten Oper eine ungezwungene Stimmung: Wer wollte und konnte schon den Bierernst einer Opernvorstellung vorspielen, als das Gewitter über den Köpfen ordentlich loslegte und die Priester bei der Einweihung Taminos in einer feierlichen, den Himmel anflehenden Geste kollektiv die Arme gen Himmel reckten? In solchen Momenten lebt die Kunst!

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