Seengen

«Diese Blutbuche darf nicht sterben» – 120-jähriger Baum soll wegen Neubauten weichen

Christian Siegrist, Pia Kündig und Hans Peter Lindenmann (v.r.) vor der Blutbuche, die an der Kantonsstrasse steht.

Christian Siegrist, Pia Kündig und Hans Peter Lindenmann (v.r.) vor der Blutbuche, die an der Kantonsstrasse steht.

120 Jahre alt und geschützt: In Seengen soll eine Blutbuche vier Neubauten geopfert werden. Dagegen gibt es Widerstand.

Jeder, der auf der Brestenbergstrasse von Seengen nach Meisterschwanden fährt, kennt sie. Und jedem, der mit dem Schiff auf dem Hallwilersee unterwegs ist, fällt sie auf: die Blutbuche. Sie ist einer der markantesten Bäume im Seetal. Der Baum ist 120 Jahre alt, kerngesund und hat eine schöne Krone, die von drei Hauptstämmlingen gebildet wird, die in 2,5 Metern aus dem Stamm herauswachsen.

Darum ist er auch geschützt: Die Blutbuche ist unter der Nummer «3.5.141. Ghei 1760» im Inventar der «Geschützten Natur- und Kulturobjekte» der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) Seengen aus dem Jahr 2013 aufgeführt.

Vier Einfamilienhäuser im oberen Segment geplant

Doch trotz des Schutzes ist die Blutbuche akut gefährdet. «Es macht mich traurig, dass man den Baum fällen will», erklärt Pia Kündig. Sie gehört zu einer Gruppe von Leuten, die sich für die Rettung der Blutbuche engagieren. Mit dabei sind etwa der emeritierte ETH-Professor Hans Peter Lindenmann sowie der Gartengestalter und Präsident des Natur- und Vogelschutzes Sengen, Christian Siegrist.
Die Gruppe sammelt Unterschriften für eine Einsprache gegen ein Baugesuch, mit dem der Tod des Baumes besiegelt werden soll. Schon 25 Personen machen mit.

Das Gesuch liegt noch bis am 10. August öffentlich auf. Ein Investor aus Immensee SZ will das alte, leerstehende Haus aus dem frühen 20. Jahrhundert abreissen und die Blutbuche entfernen. Stattdessen sollen vier Einfamilienhäuser erstellt werden, die so geplant sind, dass für jedes eine optimale Seesicht gewährleistet ist. Alleine die Baukosten (ohne Land) werden auf der Baugesuchsmappe mit 4,7 Millionen Franken beziffert. Und die Dimensionierung der Tiefgarage (26 Parkplätze für vier Häuser) deutet an, dass im «Ghei» gehobener Wohnungsbau geplant ist.

Als Ersatzmassnahme soll es neun neue Bäume geben

Im Baugesuch ist die Blutbuche, deren Krone etwa einen Fünftel der Parzelle überdeckt, ein grosses Thema. In einem Expertenbericht steht: «Das geplante Bauvorhaben ist kaum möglich, ohne die Buche zu schädigen.» So würde etwa wegen der Verschiebung der Stützmauer entlang der Strasse das relativ oberflächliche Wurzelwerk in Mitleidenschaft gezogen.

Im Begleitschreiben zum Baugesuch schreibt der Investor: «Aus verkehrstechnischen, baulichen und sicherheitstechnischen Gründen ersuchen wir, durch eine angemessene Ersatzpflanzung die Rotbuche zu ersetzen.» Geplant sind neun neue, kleinwüchsigere Bäume.

Die Gruppe, die sich für die Blutbuche einsetzt, kann nicht verstehen, dass der Gemeinderat ein Baugesuch auflegen lässt, das auf der Abholzung eines geschützten Baumes basiert. Und sie befürchtet, der Investor könnte allenfalls eines Morgens vollendete Tatsachen schaffen: Etwa, indem er die Buche ohne Bewilligung, unter Inkaufnahme einer Busse, fällen lässt.

Sie setzt auf die Karte öffentlicher Druck: «Wir möchten, dass möglichst viele Leute die Bedeutung dieses Baumes erkennen», sagt Christian Siegrist. Der Präsident des Natur- und Vogelschutzvereins spricht davon, dass der Baum ein Lebensraum für 200 Insektenarten sei und eine wichtige Bedeutung für das Eulenpaar habe, das im Quartier lebe.

Der Baum würde also vielen fehlen: der Natur und in der Landschaft. Darum sammelt die Gruppe Unterschriften. Sie sagt: «Diese Blutbuche darf nicht sterben.»

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Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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