Dorers nächster Halt
Eilige Passagiere

Den Bus zu verpassen ist ärgerlich – und zwar nicht nur für den verspäteten Passagier.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Regionalbus Lenzburg RBL fährt durch die Reussgasse in Seon.

Regionalbus Lenzburg RBL fährt durch die Reussgasse in Seon.

Was gibt es Ärgerlicheres für einen Fahrgast, als wenn er rechtzeitig zur Haltestelle kommt und ihm der Bus trotzdem vor der Nase davon fährt? Damit das nicht passiert, zeigt der Bordcomputer dem Chauffeur auf die Sekunde genau an, wie er im Fahrplan liegt. Eine grüne Zahl bedeutet «Alles im Grünen» – «30 s» zum Beispiel, dass er 30 Sekunden hinter der planmässigen Zeit unterwegs ist. Ist er zu früh, dann erscheint die Anzeige in roter Farbe.

Ich fahre meistens am Wochenende. Da hat es weniger Verkehr, der Fahrplan ist grosszügig bemessen, und ich muss aufpassen, dass ich nicht plötzlich zu früh dran bin. Manchmal fahre ich deshalb an der Starthaltestelle leicht zu spät ab, damit ich nicht in jedem Dorf warten muss.

Kürzlich fuhr ich auf der Linie 381 von Wildegg nach Lenzburg. Fast bei jeder Haltestelle hetzte in letzter Sekunde ein Passagier herbei. In Niederlenz Staufbergstrasse sprintete ein junger Mann zum Bus, als sei er auf einem 100-Meter-Lauf, und war dann derart ausser Atem, dass ich befürchtete, er klappe jetzt dann zusammen. Ein prüfender Blick auf den Bordcomputer aber zeigte mir: Er war zu spät, nicht ich zu früh.

Was tun, wenn von weit her ein Passagier daher rennt? Warten oder abfahren? Ich habe drei Szenarien:

  • Stehe ich an der Haltestelle, dann warte ich. Ausser ich habe bereits ein paar Minuten Verspätung und der Rennende ist noch weit weg. Dann fahre ich los, sorry! Denn wenn Dutzende Passagiere wegen eines einzelnen ihren Anschlusszug verpassen, dann wäre das das grössere Übel.
  • Bin ich bereits losgefahren, so halte ich nicht mehr an. Das wäre zu gefährlich, stünde der Bus doch mitten auf der Strasse. Ausser auf dem Land, und weit und breit ist kein Auto in Sicht, da mach ich vielleicht mal eine Ausnahme, inoffiziell.
  • Unangenehm ist die Situation an Haltestellen, bei denen der Chauffeur einen Meter vorfahren muss, damit die Ampel den Impuls erhält, um für den Bus auf grün zu schalten – zum Beispiel bei der Berufsschule Lenzburg. Klopft dann ein Passagier an die Türe, stehe ich zwar noch da. Doch öffne ich nochmals die Türe, verpasse ich die grüne Phase. Aber das weiss der stehengelassene Fahrgast nicht und flucht dann über die Arroganz des Chauffeurs.

Besonders beliebt sind Fahrgäste, die wild gestikulierend den Bus aufhalten und dann merken, dass sie in den falschen eingestiegen sind. Oder die einfach eine belanglose Frage stellen wollen. Ich bleibe auch dann höflich. Schliesslich ist der Kunde König – und das Bundesamt für Verkehr macht Stichproben über die Freundlichkeit der RBL-Chauffeure.

Was leider nicht mehr geht, liebe Passagiere: Sonderwünsche erfüllen. Früher konnte man auch mal jemanden unterwegs aussteigen lassen. Das war zwar schon immer verboten. Heute aber wird es auch bemerkt: Die Leitstelle ist über GPS in Echtzeit über Standort und Manöver jedes Busses im Bild.

*Christian Dorer ist Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Er hat den Car-Ausweis und fährt in seiner Freizeit einmal pro Monat beim Regionalbus Lenzburg.

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