Hendschiken

«Ein Stück Tradition verschwindet»: Nach 147 Jahren geht die Ära Baumann im Landgasthof Horner zu Ende

Das bekannte Wirtshaus «Horner» in Hendschiken gehört jetzt einem Immobilieninvestor. Gestern Abend hat sich das Wirtepaar Baumann in den Ruhestand verabschiedet.

Vom Schnörrli bis zum Schwänzli wird auf üppigen Schlachtplatten aufgetischt, was das Säuli Leckeres hergibt: Schweinshals, Rippli, Kotelett, Leberli, Nierli, Schnitzel, Steak, Brustspitz, Gnagi, Wädli, Blutwurst, Leberwurst, Bratwurst, garniert mit Sauerkraut und Kartoffeln. Das Lokal ist vollbesetzt, gut gelaunte Gäste halten das Servicepersonal auf Trab, es wird ungehemmt geschlemmt.

Unterdessen ist die Metzgete-Saison vorbei, definitiv tempi passati. Denn für den «Horner», Landgasthof mit der gutbürgerlichen, bodenständigen Küche ist nach 147 Jahren Ära Baumann das Ende da. Die vierte Generation mit Paul und Sonja Baumann hat gestern Abend nach 32 Jahren das als Trucker-Treff weitherum bekannte Wirtshaus zwischen Lenzburg und Hendschiken an der Überlandstrasse zum Freiamt verkauft und zieht sich in den wohlverdienten Ruhestand zurück. Laut Auskunft von Paul Baumann sind Gebäude und Areal verkauft, «der Aargauer Immobilieninvestor wird das rund 50 Aren umfassende Grundstück an guter Lage wohl anderweitig ausnutzen».

Und das sagen die Stammgäste: 

Der Erste:

Als einer der ersten Stammgäste trifft Sepp Bucher, Geschäftsführer der Landi Maiengrün, frühmorgens um 6 Uhr im «Horner» ein. Mit gutem Grund: «Beim Kaffee studiere ich die Lenzburger und auch die Wynentaler Seite der AZ, weil ich als Dottiker die Freiämter Ausgabe habe. Wenn ich komme, hat Doris Furrer vom Frühdienst die Lektüre schon für mich bereitgelegt. Sie weiss genau, was ihre Stammgäste alles brauchen.»

Immer mittwochs:

Franz Bitterli

Franz Bitterli

Franz Bitterli, der ehemalige Gemeindeammann von Hunzenschwil, hat am Mittwoch jeweils seinen «Horner»-Tag. «Um 7.30 Uhr treffe ich mich mit einem Dutzend Kollegen zum Frühstück-Buffet im Wintergarten; das ist mein Netzwerk», sagt der Ingenieur.

Ammerswil täglich:

Täglich trifft sich eine Ammerswiler Delegation im «Horner» zum Znüni-Kaffee. «Nachdem wir unsere Wirtschaft, das ‹Rütli›, nicht mehr haben, geniessen wir im Nachbardorf Asyl», begründet der ehemalige Vizeammann Bernhard Murri die leicht verschobene Stammrunde.

Mehrmals täglich: 

Auch der ehemalige Dintiker Gemeindeammann Theo Steiner gehört zu den Gästen, die oft sogar mehrmals im Tag im «Horner» anzutreffen sind. «Seit 40 Jahren komme ich hierher, um zwischen sieben und halb acht Uhr die AZ zu studieren. Und tagsüber führe ich seit etwa 30 Jahren bei Gelegenheit in der Gaststube sozusagen eine Büro-Filiale meiner Versicherung, indem ich hier Kunden zum Gespräch empfange.»

Regelmässig Anlässe:

Daniel Lüem

Daniel Lüem

Der Hendschiker Gemeindeammann Daniel Lüem erinnert sich an viele Veranstaltungen, die er zusammen mit der «Horner»-Crew im Verlaufe der Jahre durchgeführt hat. Höhepunkte waren am Anfang die Schneebar, die «Horner»-Fasnacht mit dem unvergesslichen Sujet «Dinner for one» und natürlich das Beachvolleyball-Turnier, nach Jahren noch heute ein vergnüglicher Hit. «Ein Stück Hendschiker Tradition verschwindet», bedauert Lüem, und sagt: «Der ‹Horner› hatte eine Ausstrahlung auf die ganze Schweiz; Hendschiken kennt keiner, den ‹Horner› und die Barriere daneben aber schon.»

Durch Barriere vom Dorf getrennt

Während draussen auf der Landstrasse fast pausenlos der Verkehr von Lenzburg Richtung Freiamt vorbeibraust, ist der «Horner», das durch den Bahnübergang mit nervig oft geschlossener Barriere vom Dorf Hendschiken abgetrennte Quartier, eine zwar nicht ruhige, aber gemütliche «Oase» geblieben.

Wo einst ein schattiger Baumgarten zum Areal gehörte und bis 1961 noch legendäre Sommernachtsfeste stattfanden, breitet sich heute ein grosser Parkplatz für die Lastenzüge aus. Mit der neu erstellten A1 fanden immer mehr Fernfahrer aus aller Welt die Ausfahrt Lenzburg und alsbald die Raststätte Horner. In den Boomjahren bildeten sie einen beachtlichen Anteil an der Gastig. Sie rasteten, verköstigten sich im Trucker-Restaurant und nächtigten zum Teil in speziellen Hotelzimmern. Viele Chauffeure stoppten während Jahrzehnten an diesem bekannten Stützpunkt.

Allerdings ging dieses Gäste-Segment seither auf noch rund 20 Prozent zurück und die Mehrzahl der «Ritter der Landstrasse» zieht sich nächtens in ihre Führerkabinen zurück. «Wohl eine Folge der Anstellungsverhältnisse im Transportgewerbe», mutmasst Wirt Baumann. Die Hauptkundschaft setzt sich heute aus Gästen aus der näheren Region, Monteuren, Handwerkern, Aussendienstlern, Einheimischen und Stammgästen zusammen, welche sichs im gediegenen Wintergarten, in der heimeligen Gaststube oder an der Bar gemütlich machen, wo man notabene ungeniert rauchen darf. Auch für Vereinsanlässe ist der «Horner» ein beliebter Treffpunkt. Und das von Morgens ab 5.30 Uhr bis Mitternacht.

Der Landgasthof ist bekannt für seine währschafte Hausmannskost, welche wohlfeil in grossen Portionen aufgetragen wird, und zwar nicht nur beim «Trucker-Hit» mit Schnipo und Salat oder dem «Routier-Hit» mit Cordon bleu auf besonders grossen Platten. Kalbskopf und Kutteln, «Hühnermist» und Poularden, Schnecken im Töpfli, Fleischkäse auf Rösti im Gusseisenpfännchen, Wurstsalat und Waldfest, Fisch und Vegi sowie gelegentlich ein Thai-Buffet sind weitere Spezialitäten, die ihre Liebhaber auf der reichhaltigen Karte auswählen. Das Personal ist freundlich, das Wirtepaar kümmert sich persönlich um das Wohlergehen der Gäste und teilt mit ihnen manch frohe Runden.

Gelegentlich treten die Bands «Hendschiken Ost» und «Horners Wintergarten Jazz-Orchestra» oder Jagdhornbläser auf. Legendär sind die einstigen Wallfahrten der Freiämter Grossräte und des «Schattenkabinetts» auf dem Weg von Aarau zurück in den «Schwarzen Erdteil» mit obligatorischem Zwischenhalt auf neutralem Boden. Sowohl die Fahrenden, die hier vorübergehend sesshaft wurden, als auch die mit weniger PS anrückenden Ansässigen werden die einheimische Küche ohne Schnickschnack und das Ambiente, wo jeder noch laut sagen kann, was Sache ist, schwer vermissen.

Gasthof müsste modernisiert werden

Es ist nicht die wirtschaftliche Lage der Wirtschaft Horner, welche das Wirtepaar Baumann (Sonja 56, Paul 66) zur Schliessung zwingt. Begründet wird der für sie schwere Entschluss, ihr Lebenswerk, eine bald 150-jährige Familientradition aufzugeben, «mit einem erheblichen Modernisierungsbedarf und der Tatsache, dass die Banken mit der Kreditgewährung an junge Nachfolger sehr zurückhaltend» seien. Die fünfte Generation Baumann wäre im Gastrogewerbe ausgebildet.

Zur Austrinkete am 6. Januar 2018, ab 14 Uhr sind alle im «Horner» willkommen.

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