Bezirksgericht Lenzburg
Ein Vergleich und eine Verurteilung – aber kein Landesverweis

Wenn Aussage gegen Aussage steht, kann ein Verein in die Bredouille kommen – ein Vergleich als Kompromiss.

Peter Weingartner
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Das Bezirksgericht Lenzburg.

Das Bezirksgericht Lenzburg.

Elia Diehl

Am Tag, als der Winter kam, erreichten nicht alle Aufgebotenen das Bezirksgericht Lenzburg rechtzeitig: Der amtliche Verteidiger und die beschuldigte Person, Anna (Name geändert), 49, trafen mehr als eine halbe Stunde zu spät ein.

Aber nicht nur deshalb dauerte die Verhandlung bis 13 Uhr statt wie budgetiert bis 10.45 Uhr. Denn es gab zu viele Unklarheiten, und Gerichtspräsidentin Eva Lüscher erwirkte mit dem Vorschlag zu einem Vergleich, dass ein Teil gütlich und kostengünstig erledigt werden konnte.

Hat Anna Geld veruntreut?

Vereine leisten ehrenamtliche Arbeit. Dass es schwierig wird, wenn Geld ins Spiel kommt, zeigt der Fall. Anna hatte in einem grösseren Sportverein das Ressort «Events & Turniere» inne. Der Verein als Kläger, vertreten durch den Präsidenten und mit der ehemaligen Kassierin als Zeugin, klagte nun gegen Anna wegen mehrfacher Veruntreuung, eventualiter ungetreuer Geschäftsbesorgung.

Was soll Anna getan haben? Die Anklageschrift listet auf, dass sie Kaffee, Schokolade und die Vereinsfahne entwendet habe. Zudem soll sie Kioskeinnahmen und Münzeinlagen in zwei Kassen in der Höhe von rund 6500 Franken einbehalten haben. Und mit der Bankkarte des Vereins habe sie für ihren Sohn 500 Franken abgehoben.

Happige Vorwürfe, doch Anna, in Schlabberhose und Hoodie, kontert, unterstützt von ihrem Pflichtverteidiger. Dabei wollte jener gleich zu Beginn der Verhandlung, als Anna noch nicht anwesend war, aus seinem Amt entlassen werden. Er sprach von einem «gestörten Vertrauensverhältnis» sowie fehlendem Wissen um die Hintergründe, da sämtliche Versuche seinerseits, Kontakt aufzunehmen, gescheitert seien. Annas Erscheinen lässt Eva Lüscher diesen Antrag ablehnen.

Der Verteidiger spricht von «Vogel-Strauss-Politik» seiner Mandantin: andere Probleme, unter anderem die angedrohte Landesverweisung, der Abschluss ihrer Ausbildung an der Höheren Fachschule Gesundheit und Soziales, die Arbeitslosigkeit ihres Ehemanns. Und die beiden gehen zum Gegenangriff auf die Vereinsvertreter über.

Kurz: Anna wollte sich schadlos halten für Geld, das ihr ihrer Meinung nach aus der Vereinskasse zusteht. Geld für Trainertätigkeit ihres Mannes, für die Schiedsrichtertätigkeit von Mann und Sohn. Und für die Fahne, 30 bis 40 Stunden Arbeit, rund 30 Quadratmeter Stoff. Und hier wird es ein weiteres Mal schwierig. Die ehemalige Kassierin sagt, je nach «Geschäftsgang» habe man «entlöhnt», Vorstand 600 Franken pro Jahr, Schiedsrichter 15 Franken pro Spiel. Was fehlt, sind Belege.

Unrechtmässig bezogene Sozialleistungen

Eva Lüscher merkt bald: Das wird nichts. Worauf sollte sie ein Urteil begründen, wenn von beiden Seiten Zahlen und Zahlungen in den Raum gestellt werden, für die keine Belege da sind? Sie macht einen Vergleich beliebt, lässt gegenüber dem klagenden Verein durchblicken, dass bei einem Freispruch oder Teilfreispruch Annas der Verein auch finanziell in der Pflicht steht bezüglich Gerichtskosten. Kurze Beratung beider Parteien. Dann stimmen sie dem Vergleich zu, der besagt, dass die Strafanträge zurückgezogen werden.

In einer anderen Sache wird Anna verurteilt: mehrfacher unrechtmässiger Bezug von Sozialleistungen. Sie hat bei der Arbeitslosenkasse die Frage, ob sie bei einem oder mehreren Arbeitgebern gearbeitet habe, verneint. Da nützt es nichts, dass Anna sagt, dass die Regionale Arbeitsvermittlungsstelle von diesen Stellen und von einem Praktikum im Rahmen der Ausbildung nicht nur gewusst, sondern das unterstützt habe. «Sie haben bewusst die doppelte Entschädigung entgegengenommen», sagt Eva Lüscher. In vier Monaten rund 20000 Franken. Einen Teil hat Anna bereits zurückbezahlt.

Gericht verzichtet auf Landesverweis

Die guten finanziellen Verhältnisse, Anna verdient nach ihrer Ausbildung 6500 Franken, haben eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 140 Franken zur Folge bedingt auf zwei Jahre. Bezahlen muss sie aber die Busse von 3000 Franken. Dazu kommt die Hälfte der Verfahrenskosten.

Und der Landesverweis nach 22 Jahren in der Schweiz? Fünf Jahre zurück in die Slowakische Republik? Nein. Anna ist erwerbstätig, um Integration bemüht (mehrere Hundevereine, berufsspezifische Organisationen), der Sohn, Lehrling, braucht Unterstützung.