Lenzburg

«Es geht um meine Existenz»: Was die Massnahmen gegen Corona für Lenzburger Geschäfte bedeuten

«Wir packen das!»: Kathrin Steinmann mit der ersten Bücher-Lieferung der Notlage.

«Wir packen das!»: Kathrin Steinmann mit der ersten Bücher-Lieferung der Notlage.

Die vom Bundesrat erklärte nationale Notlage und die Massnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus' sind eine Hiobsbotschaft für viele Gewerbetreibende. Wir haben in Lenzburg am Tag 1 hingehört.

Hätten die Geschäfte heute noch Glocken an der Tür, würden sie seit gestern nicht mehr bimmeln. Am Montagabend verordnete der Bundesrat neue Massnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus. Wenige Stunden später mussten Restaurants, Bars und die meisten Geschäfte schliessen. Eine Hiobsbotschaft für viele Gewerbetreibende.

Manche Gewerbetreibende sind wütend, andere gelassen, bedrückt sind alle. Nach den Entwicklungen im Ausland und im Tessin haben viele mit dem Lockdown gerechnet und sich schon am Wochenende vorbereitet. «Ich bin in den Macher-Modus verfallen», sagt Kathrin Steinmann, Geschäftsführerin der Buchhandlung Otz an der Kirchgasse. Noch sei sie dabei, sich zu organisieren und an die neue Situation anzupassen. Die Lieferanten der Buchhandlung arbeiten weiter, die Bücher gehen also nicht aus. Die Buchhandlung Otz betrieb schon bisher einen Onlineshop und nimmt auch Bestellungen per Telefon entgegen. «Wir haben in den letzten Tagen schon mehrere Bestellungen und Anfragen zum Betrieb während der Notlage erhalten», sagt Kathrin Steinmann. Sie ist momentan dabei, einen privaten, kostenlosen Lieferdienst in Lenzburg und den Nachbargemeinden zu organisieren. Wie sich die Situation längerfristig auf das Geschäft auswirken werde, kann Steinmann noch nicht abschätzen.

«Eine himmeltraurige Situation»

Ein paar Häuser weiter gibt es in der Lenzburger Altstadt Geschäfte, die ihre Türen nicht schliessen mussten. Dazu gehört das Optikergeschäft Augentreff Schneider. Läden, die medizinische Hilfsmittel vertreiben, dürfen weiterhin geöffnet haben. Dazu gehören auch Brillen und Linsen. Beim «Augentreff» kämen die Kunden wie gewöhnlich ins Geschäft; Termine, etwa für eine Kontrolle oder eine neue Brille, seien keine abgesagt worden, sagt eine Mitarbeiterin am Telefon.

Schräg vis-à-vis findet Metzgermeister Häusermann senior deutliche Worte. «Himmeltraurig», sagt er. Die Metzgerei, die heute sein Sohn André Häusermann führt, darf weiterhin geöffnet haben, da ihr Angebot zu den Produkten des täglichen Bedarfs gehört. Doch die ausserordentliche Lage vergrault den Metzgern die Laufkundschaft. Wortwörtlich. «Die Leute fahren lieber mit dem Auto in die Migros, als dass sie bei uns einkaufen», sagt Häusermann senior. Er wäre froh, wenn die Leute etwas mehr studieren würden. «Jetzt möchten alle mit Karte bezahlen», sagt er. Das sei natürlich kein Problem. Aber wenn er den Leuten das Kästchen für die Karte hinhalte, würden es alle in die Hand nehmen. Sohn André ist ebenfalls frustriert über die aktuelle Lage. «Wir haben noch keinen Notfallplan», sagt er. Die nächsten Tage werden zeigen, wie es mit der Metzgerei weitergeht.

«Wir müssen jetzt alles probieren»

In der Mitte der Rathausgasse befindet sich die Papeterie Büro Ryser AG. Und in der Papeterie eine Postagentur. Diese werden jedoch nur in Betrieben mit Lebensmitteln aufrechterhalten, die Papeterie hat also auch geschlossen. «Früher, beim Umbauen oder Zügeln, haben wir darauf geachtet, dass wir das Geschäft nicht einmal für einen halben Tag schliessen mussten», sagt Evelyne Ryser. «Ich weiss nicht, ob wir nach fünf Wochen überhaupt wieder öffnen können. Wir machen uns jetzt sehr viele Gedanken, wie wir diese Zeit überbrücken können.» Industrie-Kunden werden weiterhin beliefert, die Papeterie betreibt auch einen Onlineshop, in Lenzburg wird ein privater Lieferdienst organisiert. «Wir müssen jetzt alles probieren», sagt sie. Zum Beispiel im Schaufenster noch gezielter auf die Produkte aufmerksam zu machen.

Momentan immerhin noch ein Einkommen

Die Massnahmen treffen grosse und kleine Betriebe gleichermassen. Kathrin Christen betreibt das Einfrau-Tattoostudio «Die kleine Tätowierstube» an der Leuengasse. «Ich bin froh, dass ich keine Angestellte habe», sagt sie. «Doch es geht auch um meine Existenz und die meiner Familie.» Sie wäre momentan komplett ausgebucht mit Terminen. Nun verbringt sie die Zeit zu Hause mit ihren zwei schulpflichtigen Kindern. Ihr Mann darf als Schreiner noch arbeiten. «Ich bin gelernte Fachfrau Gesundheit», sagt Christen. Falls ihr Mann auch ausfallen würde, würde sie versuchen, auf diesem Beruf wieder einzusteigen.

In einer speziellen Situation ist das Geschäft «Unique Works» am Kronenplatz. Es bietet Inneneinrichtung für Coiffeursalons sowie Wohnberatung an. Im Laden verkaufen Mathias Günther und seine Frau Shireen Saferdien von Wohnaccessoires über Möbel bis zu Kleidern «alles, was schön ist». Den Laden mussten sie schliessen und auf Onlinekundschaft hoffen. «Das Planungsbüro können wir weiterführen», sagt Günther. Auf der anderen Seite des Platzes schneidet Stephanie Buser gewöhnlich Haare in ihrem Salon «Kronenhaar». Sie beschäftigt eine Mitarbeiterin und hat Kurzarbeitsentschädigung angefordert. «Wir hoffen, dass wir mit der Entschädigung und unseren Reserven durch diese harte Zeit kommen», sagt sie. Hausbesuche würde sie trotzdem keine machen. «Das sollte man jetzt lassen», sagt sie.

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