Bezirksgericht Lenzburg

Fahrende betreiben keinen Wucher – melden ihre Arbeit aber zu spät

Zwei Fahrende wurden vor dem Bezirksgericht Lenzburg im Hauptanklagepunkt freigesprochen.

Zwei Fahrende wurden vor dem Bezirksgericht Lenzburg im Hauptanklagepunkt freigesprochen.

Das Bezirksgericht Lenzburg hat zwei Fahrende aus Frankreich im Hauptanklagepunkt freigesprochen. Gleichwohl müssen sie eine Busse zahlen.

Im vergangenen Frühling klingelten die beiden Brüder Jean und Paul (Namen geändert) bei einem 72-jährigen Mann aus dem Seetal. Am Donnerstag standen sie als Angeklagte vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden Fahrenden aus Frankreich vor, sie hätten Arbeiten zu Wucherpreisen offeriert.

«Wir sind durch die Gegend gefahren und haben gesehen, dass sein Haus in schlechtem Zustand ist», sagte Jean bei der Befragung durch Einzelrichterin Eva Lüscher. Also hätten sie dem Mann angeboten, für 3500 Franken die Garagentore abzuschleifen und neu zu streichen. Der Senior habe eingewilligt, einen Vertrag unterschrieben und gefragt, ob sie weitere Arbeiten ausführen könnten.

Senior gab Handwerkern 10'000 Fr. ohne Quittung

Sie hätten vereinbart, dass die Brüder die Dachuntersichten neu streichen, die Fassade reinigen und malen sowie den Vorplatz putzen sollten. Dafür seien pauschal 10'000 Franken vereinbart worden. Der Mann habe das Geld auf der Bank abgehoben und ihm gegeben, sagte Paul. Eine Quittung habe er nicht verlangt, sondern gesagt, das könne man am nächsten Tag regeln. «Wenn wir ihn hätten übers Ohr hauen wollen, wären wir mit dem Geld abgehauen.»

Das taten die Brüder jedoch nicht, vielmehr begann Jean mit den Arbeiten am Garagentor, während Paul einen Tag später zurückkehrte, um sich dem Dach und der Fassade anzunehmen. Doch dazu kam es nicht, denn der Sohn des Seniors war vor Ort und rief die Polizei.

«Es war sicher keine fachmännische Arbeit»

Der Senior war früher Elektrotechniker, er bezieht seit einem Unfall 1998 eine IV-Rente – und erzählte die Geschichte anders. Das Geld hat er inzwischen zurückbekommen, am Prozess trat er als Zeuge und nicht als Kläger auf. «Heute frage ich mich, weshalb ich ihnen 10'000 Franken bezahlt habe». Die Brüder hätten ihm gesagt, sie bräuchten das Geld als Vorschuss, um ein Spezialmittel zu bestellen. Insgesamt hätten sie ihm die Arbeiten für 20000 Franken offeriert.

«Ich habe keine Erfahrung mit solchen Sachen, darum wusste ich nicht, ob der Preis in Ordnung ist», sagte der Senior. Er habe von Jean und Paul nichts Schriftliches erhalten, aber selber gesehen, dass sie keine fachmännische Arbeit ablieferten.

Die Brüder entgegneten, sie seien keine gelernten Maler, wüssten aber, wie solche Arbeiten ausgeführt werden müssten. Die Staatsanwaltschaft sieht das anders: Gemäss Anklageschrift seien 23'500 Franken für die Arbeit von Ungelernten viel zu hoch. Zudem hätten die Brüder den Senior überrumpelt und bedrängt. Dieser habe nicht einschätzen können, ob die Offerte preislich angemessen sei.

Kein Wucher, aber auch keine Meldung

Der Verteidiger von Jean und Paul widersprach vehement. Die Brüder hätten versucht, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen. Sie übten solche Tätigkeiten seit Jahren aus und passten Preise Markt und Nachfrage an. Der Wucher-Vorwurf treffe nicht zu: Sie hätten den Senior nicht bedrängt, noch sei dieser ahnungslos, wenn es um handwerkliche Fragen gehe. Er habe den Innenausbau seines Hauses selber gemacht und könne Offerten preislich sehr wohl einschätzen.

Das Gericht sprach Jean und Paul vom Vorwurf des versuchten Wuchers frei. Der Senior mache Zahlungen und Steuererklärung selber und sei durchaus in der Lage, eine Offerte zu beurteilen, sagte die Richterin. Die beiden Fahrenden hätten den Mann auch nicht aufgrund seines Alters als Opfer ausgesucht, sondern seien zufällig an seinem Haus vorbeigekommen.

In einem Punkt gab es für die beiden Fahrenden einen Schuldspruch: Sie hatten dem kantonalen Migrationsamt zu spät gemeldet, dass sie im Aargau einer Arbeit nachgehen würden. Dafür werden Jean und Paul mit jeweils 500 Franken gebüsst.

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