Bezirksgericht Lenzburg
Nachbarschaftsstreit wegen riesigem Baum: Jetzt muss der «Lebensbaum» weg

Im Garten von Rita Rufli in Seon steht seit über 50 Jahren ein 15 Meter hoher Thuja-Baum. Weil dieser aber zu nahe am Grundstück der Nachbarn steht, muss er nun gefällt werden. Der Prozess kommt die Frau teuer zu stehen.

Valérie Jost
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Thuja-Prozess in Seon: Der Lebensbaum muss sterben.

Tele M1

«Wenn das ‹Pflaumenköpfli› das wüsste, wie wir geplagt werden, es würde sich alle Federn ausreissen.» Das sagte die 82-jährige Rita Rufli vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Der Pflaumenkopfsittich ist eine Papageienart, die Rufli früher bei sich in einer Gartenvoliere hielt. Einer dieser Vögel soll den mächtigen Baum, der heute anstelle der ehemaligen Voliere steht, indirekt durch einen Samen im Vogelfutter «gepflanzt» haben.

Das war, je nach dem, wen man fragt, vor 40, 50 oder 60 Jahren. Heute ist der Thuja-Baum (auch bekannt als «Lebensbaum») im Einfamilienhausquartier in Seon gefühlt riesig; von 12 bis 15 Metern war die Rede. Jedenfalls weit über sechs Meter hoch, wie Gerichtspräsident Daniel Aeschbach beim Augenschein vor Ort feststellte. Das ist ein Problem: Gemäss damals (bei der «Pflanzung») geltendem Recht ist bei mehr als sechs Meter hohen Bäumen ein minimaler Grenzabstand von ebenfalls sechs Metern nötig. Als Aeschbach mit dem Massband antrat, bestätigte sich aber: Der Abstand ist mit rund 4,8 Metern deutlich zu gering.

Der Thujabaum wird gefällt, weil er für seine Höhe zu nah an der Grenze (oder umgekehrt) ist.

Der Thujabaum wird gefällt, weil er für seine Höhe zu nah an der Grenze (oder umgekehrt) ist.

Bild: vaj

«Was, wenn der Baum aufs Schlafzimmer kippt?»

Geklagt hatte das Ehepaar Ryner (Name geändert), das auf dem benachbarten Grundstück wohnt. Sie stören sich an der Gefahr, die vom Baum ausgeht: «Es geht in erster Linie um seine schiere Masse und Höhe», so der Anwalt der Ryners. Der Baum stelle eine Gefahr für ihr Haus dar, könnte umfallen oder bei einem Brand ihr Holzhaus mit entzünden. «Auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist, wäre in solch einem Fall der Schaden unermesslich.» Das Schlafzimmer liege etwa an einem heiklen Ort: «Ich will mir nicht vorstellen, was passieren würde, sollte der Baum eines Nachts auf das Haus ­kippen», so der Anwalt. Dazu kämen störende Punkte wie Schattenwurf und Wasserentzug.

«Warum haben sie nicht früher reklamiert?»

Für Frau Rufli völlig unverständlich: «Der Baum ist kerngesund und keine Gefahr, wie uns ein Förster bestätigt hat.» Auch die übrigen Vorwürfe bestreitet sie. Der Baum werfe keinen Schatten auf das Nachbargrundstück; und er habe, nicht wie etwa ein Apfelbaum, Pfahlwurzeln und ziehe den Pflanzen der Ryners kein Wasser ab. Zudem stört sie, dass ihre Nachbarn jahrelang nie etwas gesagt haben: «Hätten sie früher reklamiert, hätten wir ja vielleicht noch eine Lösung finden oder jedenfalls darüber reden können.»

Die Nachbarn hätten die Hälfte des Fällens bezahlt

Stattdessen endete der Streit nun vor Gericht. Dort wurden die Geschichte der Voliere erzählt, alte Fotos interpretiert, Vorwürfe geäussert. Die Verhandlung wurde durch verhärtete Fronten erschwert, Ryners durften etwa beim Augenschein Ruflis Grundstück nicht betreten.

Als sich abzeichnete, dass der Baum gefällt werden muss (ein Stutzen auf die erlaubten sechs Meter lehnte Rufli ab, da der Baum dann gemäss Förster sterben würde), brach Rufli in Tränen aus. Der Baum bedeute ihr und ihrem Mann, der im Altersheim ist, sehr viel – «wenn er das erfährt, überlebt er das vielleicht nicht». Da bot Daniel Aeschbach den Parteien einen Vergleich an: Ryners könnten sich an den Kosten beteiligen. Diese gingen darauf ein und boten Rufli an, die Hälfte der Kosten bis maximal 2000 Franken zu übernehmen.

Der Baum muss weg und viel Geld ist verpulvert

Davon wollte Rufli aber nichts wissen: «Wenn sie nicht alles zahlen, unterschreibe ich gar nichts. Da bin ich hart, denn jetzt bin ich auch wütend.» Gerichtspräsident Aeschbach blieb nichts anderes übrig, als «den Baum aus dem Paradies zu jagen»: Rufli muss den Baum innert sechs Monaten ab Rechtskraft auf eigene Kosten fällen. Dazu muss sie die Verfahrenskosten (13'000 Franken), das frühere Schlichtungsverfahren (300 Franken) und den Anwalt ihrer Nachbarn (2000 Franken) bezahlen.

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