Vor einem Jahr hat Lenzburg den Köder ausgeworfen. «Wir sind offen für Fusionen», hielt der Stadtrat in seinen Legislaturzielen fest. Im Herbst machte Leutwil Richtung Dürrenäsch Avancen. Jetzt stossen die Gemeindeammänner von Boniswil und Fahrwangen die Heiratsdiskussion an.

Der Gedanke ist nicht neu. Eine Anpassung der Gemeindeperimeter im Seetal wurde bereits vor neun Jahren bei der Gründung des Gemeindeverband Lebensraum Lenzburg Seetal (LLS) diskutiert. Im Gespräch mit der AZ erklären Patrick Fischer und Gérald Strub, weshalb die Idee einer Grossfusion im Seetal visionären Charakter hat und keine Utopie ist.

Leutwil hat im letzten Jahr die Fühler Richtung Dürrenäsch ausgestreckt, und gleichzeitig betont, man müsste noch grossräumiger denken. Jetzt kommen Sie: Boniswil, am nordwestlichen Ende des Hallwilersees und Fahrwangen, auf der südöstlichen Seite über dem See. Welche Pläne haben Sie?

Fischer: Die starken Veränderungen in der Gemeindelandschaft haben zu überholten Strukturen geführt. Als Ammann sind wir in der Pflicht, frühzeitig die Weichen für die Zukunft zu stellen.

Strub: Wir müssen uns vor Augen führen, dass die heute noch gültigen Gemeindegrenzen vor hundert Jahren und länger gelegt wurden. Die Dörfer sind durch die Bautätigkeit in der Vergangenheit jedoch näher zusammengerückt. Gemeindegrenzen sind manchmal kaum mehr auszumachen. Wenn ich beispielsweise von Fahrwangen nach Meisterschwanden fahre, weiss ich als Ortsunkundiger nicht mehr, wo der eine Ort aufhört und der andere beginnt. Das ist nur ein Grund, weshalb wir das Thema wieder auf den Tisch bringen.

Weshalb wieder?

Strub: Wir haben die Idee bereits 2011 eingebracht. Die Diskussionen führten zur Gründung des Gemeindeverbands Lebensraum Lenzburg Seetal. Damals war die Grossfusion im Kanton Glarus aktuell, wo aus 25 drei neue Gemeinden entstanden. Ich war beruflich in den Prozess involviert und habe festgestellt, wie in der Glarner Bevölkerung eine Aufbruchstimmung aufkam. Leider liess sich die Begeisterung nicht auf unsere Region übertragen. Wir haben regelrecht Schiffbruch erlitten mit dieser Idee. Es hatte Ammänner , die sich einen solchen Schritt ganz einfach nicht vorstellen konnten.

Hat sich in der Zwischenzeit etwas geändert? Immerhin besteht mit dem Gemeindeverband Lebensraum Lenzburg Seetal (LLS) seither eine regionale Kooperation.

Strub: Der LLS ist ein gutes Modell, in welchem sich 26 Gemeinden austauschen. Es wird in etlichen Bereichen eine Riesenarbeit gemacht, deren Ergebnisse ohne LLS nicht möglich gewesen wären. Wir sind jedoch der Meinung, dass auch auf Seite der Gemeinden Schritte nötig sind. Schauen Sie: Bei uns im Dorf betrachtet sich ein Grossteil der Bewohner nicht als Boniswiler, sondern als Seetaler. Das Bewusstsein hat sich gewandelt. Auch die Infrastruktur hat sich in den Dörfern verändert. Poststellen sind verloren gegangen, Banken haben redimensioniert, Ladenlokale wurden geschlossen. Wir sind uns bewusst, dass ein Fusionsprozess lange dauert. Wenn wir die Strukturdiskussion heute anstossen, so denken wir an einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren.

Wie soll die künftige Grossgemeinde aussehen? Welche Gemeinden möchten Sie ins Boot holen?

Fischer: Wir haben keine konkreten Forderungen: Wir könnten uns ein Zusammengehen der Seeanrainergemeinden vorstellen.

Wie wollen Sie Ihre finanzstarken Gspänli ködern? Der Weg von Meisterschwanden ins wenige hundert Meter entfernte Fahrwangen kommt einer Steuerfussdifferenz von 54 Prozent gleich. Von Boniswil nach Seengen ist das Gefälle 30 Prozent.

Strub: Das ist eine der grossen Probleme. Unabhängig voneinander haben wir Sondiergespräche mit den Nachbargemeinden geführt. Dort ist verständlicherweise kaum Interesse da im Moment. Man würde die eigene Position im Steuerwettbewerb schwächen. Die Frage ist jedoch, ob es der Verdienst einer Gemeinde ist, wenn sie einen tiefen Steuerfuss hat oder eher zufällig. Man kann den Kommunen mit einem höheren Steuersatz nicht vorwerfen, dass sie schlecht haushalten. Beispielsweise trägt Boniswil Lasten für die ganze Region: Wer von Meisterschwanden, Seengen oder Fahrwangen auf den Bahnhof muss, tut dies in Boniswil oder Hallwil. Wir meinen, es müsste doch im Interesse aller Seetal-Gemeinden sein, sich als Gemeinschaft zu betrachten.

Fischer: Das wäre das Ziel. Solange das kommunale Gärtlidenken vorherrscht, wird es schwierig sein, tatsächlich auch die für die gesamte Region beste Lösung zu realisieren.

Sie denken, der Gemeindebann soll dem Gebiet angepasst werden, in welchem sich die Bevölkerung in ihrem Lebensalltag bewegt.

Strub: Ja. Wenn uns an einer bestmöglichen Lösung für die Region gelegen ist, ist es gar nicht möglich, die Aufgaben als Gemeinde im Alleingang zu bewältigen. Ich kann Beispiele nennen: Verkehr, Raumplanung, Wasserversorgung, Sozialbereich. Wir müssen lernen, in der grossräumiger zu denken und aufhören, uns als einzelnes Dorf abzuschotten.

Fischer: Es gibt Aufgaben, die man nicht alleine lösen kann, bei denen jedoch Entscheidungs- und Lösungsperimeter deckungsgleich sein müssten. Mit den heutigen Strukturen ist das nicht gegeben.

Reichen «Lowlevel-Fusionen» (Kooperation bei Bauämtern, Steuerämter etc.) nicht mehr aus?

Fischer: Das ist nicht dasselbe wie eine Fusion. Das sind Vertragslösungen. In diesem Fall gibt es einen Anbieter, welcher die Dienstleistung den Gemeinden verkauft. Das hat den grossen Nachteil, dass der Auftragnehmer nur begrenzte Mitsprachemöglichkeiten hat.

Kleinere Gemeinden laufen bei Fusionen Gefahr, den gesamten Service-Public vor Ort zu verlieren. Das bedeutet Verlust der Standortattraktivität.

Strub: Das sind Argumente von Fusions-Gegnern. Doch was ist heutzutage Service public überhaupt noch? Schon jetzt haben die Gemeindeverwaltungen reduzierte Öffnungszeiten im Sommer, weil die Ressourcen zu knapp sind, um den Normalbetrieb aufrechtzuerhalten. Die Digitalisierung wird einen weiteren Schub auslösen. Schon bald wird ein Grossteil der Schaltergeschäfte online erledigt werden können. Nicht zu vergessen die personelle Situation der Gemeinden: Nicht nur bei den Milizposten spitzt sich der Personalmangel zu. Es wird zunehmend schwieriger, Verwaltungspersonal zu finden.

Als kleine Gemeinden agieren Sie jedoch immer aus der Position des Schwächeren.

Strub: Das sind wir uns bewusst. Fakt ist aber auch: Wenn es darum geht, gewisse Leistungen mitzufinanzieren, einen Deckungsbeitrag an Infrastruktur- oder Personalleistungen zu erbringen, sind die kleinen Gemeinden sehr wohl willkommen.

Aller Argumente für eine Fusion zum Trotz: Der Steuerfuss einer Gemeinde ist letztlich die entscheidende Grösse.

Strub: Das ist leider so. Deshalb versuchen wir mit diesem Gespräch den Fokus auf die regionale Gesamtoptik zu lenken.

Fischer: Ein Denken, bei dem das Interesse an der Gemeindegrenze aufhört, ist nicht mehr zeitgemäss und nicht nachhaltig.

Wie soll die neue Seetal-Gemeinde heissen:

Fischer: Diese Frage steht aktuell nicht im Vordergrund.