Lenzburg
Genervt von Kirchenglocken zur Predigt – Anwohner lancierten Umfrage

Mit einer Umfrage wollte Ruth Ramstein die Kirchenglocken der reformierten Stadtkirche zu bestimmten Zeiten zum Verstummen bringen.

Heiner Halder
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Einige Anwohner fühlen sich vom Geläut der kürzlich revidierten Glocken der Stadtkirche belästigt. Chris Iseli

Einige Anwohner fühlen sich vom Geläut der kürzlich revidierten Glocken der Stadtkirche belästigt. Chris Iseli

Chris Iseli

Während rund einem Dreivierteljahr haben die Anwohner relative Ruhe genossen, weil im Zuge der Sanierung der Stadtkirche auch das Glockengeläut revidiert wurde. Nach der feierlichen Einweihung ist der courant normal wieder eingekehrt, welchen sie aufgrund einer Umfrage verhindern wollten.

«Die Ruhepause war wohltuend», sagt Ruth Ramstein, die Initiantin eines Rundschreibens. Unter dem Titel: «Vermissen Sie etwas? Was vermissen Sie?» verteilte sie bereits während der Bauphase 100 Fragebögen in der unmittelbaren Umgebung der «Lärmquelle». Der Rücklauf war indes bescheiden: 18 Anwohner aus der Hinteren und Vorderen Kirchgasse, der Rathaus- und der Eisengasse beantworteten die acht Fragen betreffend sämtliche der gängigen Geläut-Szenarien.

Ruth Ramstein nervt sich wegen des Glockengeläuts. Zur Person: Ruth Ramstein, 59, Mutter von drei erwachsenen Kindern, hat 1991 den Möriker Fall Köbi F. ins Rollen gebracht und ist dabei auf harten Widerstand gestossen. Die sexuellen Übergriffe des Köbi F. kamen jedoch erst 1997 ans Licht. Verurteilt wurde er im Jahre 2002 in letzter Instanz vor Bundesgericht und zu einer Gefängnisstrafe von 3¼ Jahren verurteilt. Ruth Ramstein hat vom «Beobachter» dafür den Prix Courage erhalten und veröffentlichte zusammen mit Barbara Luschek dazu ein Buch. Jetzt kämpft sie gegen die Verfilmung des Falls. (Bild: Walter Schwager)

Ruth Ramstein nervt sich wegen des Glockengeläuts. Zur Person: Ruth Ramstein, 59, Mutter von drei erwachsenen Kindern, hat 1991 den Möriker Fall Köbi F. ins Rollen gebracht und ist dabei auf harten Widerstand gestossen. Die sexuellen Übergriffe des Köbi F. kamen jedoch erst 1997 ans Licht. Verurteilt wurde er im Jahre 2002 in letzter Instanz vor Bundesgericht und zu einer Gefängnisstrafe von 3¼ Jahren verurteilt. Ruth Ramstein hat vom «Beobachter» dafür den Prix Courage erhalten und veröffentlichte zusammen mit Barbara Luschek dazu ein Buch. Jetzt kämpft sie gegen die Verfilmung des Falls. (Bild: Walter Schwager)

Walter Schwager

Kein Geläut vor und nach Predigt

Die Auswertung der Antworten liegt der az vor. Seit der vorübergehenden Verstummung der Kirchenglocken wurden von der Mehrheit vor allem das Abendgeläut zwischen 17 und 21 Uhr, das 11-Uhr-Geläut, das Ein- und Ausläuten von Sonntagsgottesdiensten, Konzerten und Veranstaltungen sowie die Viertelstundenschläge keineswegs vermisst.

Ein ähnliches Bild gibt natürlich auch die Statistik der Erwartungen der Betroffenen ab: Auf keinen Fall sollen künftig die Glocken am Abend, vor und nach Gottesdiensten und andern Veranstaltungen sowie um 11 Uhr und alle Viertelstunden erklingen. Heute läuten die Kirchenglocken zu diesen Zeiten: Viertelstundenschläge (6–22 Uhr); volle Stundenschläge (6–22 Uhr); 11-Uhr-Geläut; Abendgeläut zwischen 17 und 21 Uhr; Ein- und Ausläuten der Sonntagsgottesdienste ab 9 Uhr. Ein- und Ausläuten von Hochzeiten, bei Abdankungen und bei Konzerten und andern kirchlichen Veranstaltungen.

Umfrage nicht repräsentativ

Entgegen der Ankündigung hat Ruth Ramstein die Auswertung der Umfrage nicht der Kirchenpflege der reformierten Kirchgemeinde Lenzburg-Hendschiken zugestellt. Sie ist sich durchaus bewusst, dass das Resultat quantitativ und qualitativ nicht repräsentativ ist, von der totalen Zustimmung bis zur völligen Ablehnung des Geläutes haben sämtliche Differenzierungen resultiert: «Ich will nicht provozieren, sondern informieren und diskutieren.»

Ramstein ist als Bewohnerin der obersten Etagen des «Durchbruchs» besonders betroffen, befindet sie sich doch sozusagen auf «Ohrenhöhe» der Kirchenglocken. Und sie weist darauf hin, dass in der Lenzburger Altstadt noch weitere Glocken regelmässig Ton angeben: im Rathaus, an der KV-Schule und von der katholischen Kirche. «Neben Strassen- und Baulärm, Bahn usw. sind das vier Glocken, die relativ dominant sind.» Zu viel des Guten für die auf ein Hörgerät angewiesene Frau, welche deshalb besonders auf schlagartige Geräusche empfindlich reagiert.

Bereits ein Kompromiss

Auf Anfrage der az nimmt Johannes Burger, Präsident der Kirchenpflege, welche die bisherigen Läut-Gewohnheiten weiter führen wird, wie folgt Stellung: «Seit über 600 Jahren existiert das Gotteshaus in der Stadt Lenzburg. Dieses war und ist ein sicht- und hörbarer Teil der Altstadt. Die Kirchenpflege steht in der Pflicht, Tradition und Brauchtum zu bewahren und dazu gehört auch das Geläute der Stadtkirche. Glocken stellen ein wichtiges Kulturgut dar und ihr Zweck besteht in ihrer Wahrnehmbarkeit.»

Die Kirchenpflege nehme indes zur Kenntnis, dass sich einige Anwohner teilweise oder ganz an jeglichem Geläut der beiden Kirchen und der anderen glockentragenden Gebäude stören. Andererseits habe es bei der Einweihung «zahlreiche Rückmeldungen von Bewohnern gegeben, die sich über die Wiederaufnahme der Läut-Tradition freuen.» Und Burger weist darauf hin, dass die beiden Kirchgemeinden bereits seit Längerem gehandelt und auf den nächtlichen Viertelstunden- und Stundenschlag zwischen 22 und 6 Uhr verzichten.

«Dies ist ein Kompromiss für diejenigen, die sich rund um die Uhr den Schlag wünschen und denjenigen, die sich generell daran stören», schliesst der Kirchenpflegepräsident.