Lenzburg

Genossenschaften fehlt das Land – warum es in der Region nicht mehr gemeinnütziges Wohnen gibt

In der Überbauung Lindenblick in Staufen hat die Wohnbaugenossenschaft Lenzburg 39 Wohnungen realisiert.

In der Überbauung Lindenblick in Staufen hat die Wohnbaugenossenschaft Lenzburg 39 Wohnungen realisiert.

Am 9. Februar stimmt die Schweiz über die Volksinitiative «Mehr bezahlbare Wohnungen» ab. Das Thema bewegt nicht nur die Initianten und Gegner, sondern die ganze Bevölkerung. Denn wohnen müssen die meisten irgendwo. Oft sind die Städte im Gespräch. Zum Beispiel Zürich, wo der Anteil von gemeinnützigen Wohnungen schon heute bei 20 Prozent liegt. Wohnbaugenossenschaften sind jedoch kein grossstädtisches Phänomen.

Alle Wohnungen sind besetzt

In Lenzburg wurde bereits 1958 die Wohnbaugenossenschaft Lenzburg (WGL) gegründet, die heute 311 Wohnungen besitzt. Die neusten davon sind 39 Wohnungen im Staufner «Lindenblick», drei Viertel davon werden von Coop-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern bewohnt. «Die Genossenschaft ist die beste Wohnform», sagt Charly Suter.

Wenig überraschend, er ist schliesslich Präsident der WGL. «Sie ist einerseits aufgrund der angewandten Kostenmiete für die Mieter finanziell tragbar, andererseits schafft sie eine Gemeinschaft.» Angesprochen auf die hohe Leerstandsziffer – momentan sind es in der Schweiz 75000 Wohnungen – sagt er: «Alle unsere Wohnungen sind besetzt.» Die Nachfrage nach bezahlbaren Wohnungen an guter Lage sei sehr hoch. «An anderen Orten dagegen wurden Wohnungen gebaut, wo kein Bedarf da ist.»

Ein Grund, wieso die Genossenschaften in der Region nicht mehr bauen, ist der Grund. Das Land, auf dem man Häuser bauen kann. Heutzutage haben Wohnbaugenossenschaften das Nachsehen, wenn beispielsweise eine Gemeinde Bauland verkauft. «Die Wirtschaftlichkeit geht oft vor. Gemeinden verkaufen an private Investoren, um die Kasse zu füllen», sagt Charly Suter. Mit Spekulanten können die Genossenschaften preislich nicht mithalten. Deshalb sieht die Initiative vor, dass Kantone und Gemeinden gemeinnützigen Wohnbauträgern ein Vorkaufsrecht gewährt oder vermehrt Land im Baurecht abgeben. «Im Aargau gibt es 38 Wohnbaugenossenschaften. Die wenigsten haben die Möglichkeit, Land im Baurecht zu erwerben», sagt Charly Suter. Der Steuerzahler habe den Vorteil, dass das Land nicht verloren geht. Momentan realisiert die WGL in Niederlenz zum ersten Mal ein Projekt im Baurecht.

«Es ist eine ideologische Frage»

Die Probleme bei der Beschaffung von Land kennt Bruno Alberti, Präsident der Allgemeinen Wohnbaugenossenschaft Aarau und Umgebung (ABAU). «Wir haben vor zwei bis drei Jahren sogar Gemeinden angeschrieben, aber fast keine Rückmeldungen erhalten», sagt er. Anfragen von Gemeinden, ob die Genossenschaft Land erwerben wolle, erhalte die ABAU nie. Es sei eine ideologische Frage, sagt Alberti. «Die Gemeinden müssen sich überlegen, was sie wollen. Ich erachte es als Vorteil, wenn Gemeinden ihren Einwohnerinnen und Einwohnern günstige Wohnungen anbieten können.» Momentan seien die grossen Städte in der Schweiz ideologisch so gefärbt, dass sie das machen. Auf dem Land herrscht eine andere Farbe. Oder die Gemeinden brauchen Geld, etwa für eine neue Turnhalle. Heute würden es die Genossenschaften oft gar nicht erfahren, wenn es Land zu verkaufen gibt.

Alberti glaubt, dass alle etwas davon haben, wenn gemeinnützige Wohnträger an Land kommen. Die Mietzinsen für Genossenschaftswohnungen bleiben längerfristig tief, weil sie nur erhöht werden dürfen, wenn wertvermehrende Investitionen getätigt werden oder der Referenzzinssatz steigt. Die Mieterinnen und Mieter haben also mehr Geld zum Sparen oder Ausgeben. «Zudem dürfen Genossenschaften keine Liegenschaften oder Land verkaufen, Spekulation auf Gebäude und Land entfällt», sagt Alberti. Und auch für die Umgebung haben gemeinnützige Wohnungen Vorteile: «In Quartieren haben Genossenschaftswohnungen eine dämpfende Wirkung auf die Mietzinse», sagt der ABAU-Präsident.

*Musterwohnung: 90 m2, 3.5 Zimmer, 17-jährig, gute Qualität, mittlere Lage

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Daten: IAZI, Visualisierung: Mark Walther

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