«Im Lenz»

Gut, wenn auch nicht ganz so grün!

Irène Kälin: «Der Markus-Roth-Platz» gleicht einer Betonwüste, inmitten der grauen Gebäude mit einem sich kaum begrünenden, aber genialen Kunst-Brunnen.»

Irène Kälin: «Der Markus-Roth-Platz» gleicht einer Betonwüste, inmitten der grauen Gebäude mit einem sich kaum begrünenden, aber genialen Kunst-Brunnen.»

Irène Kälin, Nationalrätin Grüne, wohnte zwischen September 2015 und März 2018 im neuen Lenzburger Quartier «Im Lenz». Sie gibt einen Rückblick.

Die ersten Visualisierungen sahen gut aus. Gut und grün. Ein neues Quartier auf altem Grund. Gleich beim Bahnhof, auf dem Gelände der alten Hero. Ein neues Quartier für über 1000 neue Lenzburgerinnen und Lenzburger nach 2000-Watt-Richtlinien. Nachhaltig also.

Da wollte ich hinziehen. Als «Bereits-Lenzburgerin» erhoffte ich mir, dort als heimisch zu gelten, etwas, was mir sonst irgendwie nie so recht gelingen wollte. Aber mitten unter vielen neuen Zuzügerinnen würde ich sicher als Lenzburgerin betrachtet werden.

So gehörten wir dann zu den ersten Quartierbewohnern. Obwohl Baustellenbewohner es wohl besser trifft. Und sie sah gut aus, unsere Wohnung. Der Blick vom Balkon liess jedoch keinen Zweifel daran, dass nur wenig Grün den Weg von der Visualisierung zur Realisierung geschafft hatte.

Der Markus-Roth-Platz glich einer Betonwüste inmitten der grauen Gebäude mit einem sich kaum begrünenden, aber genialen Kunst-Brunnen, der der Tristheit dieses Platzes Nachhall verschafft. Als die letzten Bagger vom Markus-Roth-Platz fuhren, fuhren die letzten Farbtupfer davon. Aber uns ging es gut hier. Tolle Nachbarn, wunderschöne Dachterrasse. Und die sind eher rar in Lenzburg! Das liess uns grosszügig über das fehlende Grün hinwegschauen. Zusammenhalt ist wichtiger in einem Quartier – auch wenn ich das nach diesem Hitzesommer vielleicht anders beurteilen würde.

Und der Zusammenhalt im Quartierteil «Flügel» – so nennt sich das ehemalige Verwaltungsgebäude der Hero – war gut. Man half sich aus, traf sich zu Wein und Bier und lachte über alles, was gut war und schimpfte über kleine Baumängel und das fehlende Grün. Und wenn man einer Quartierbewohnerin aus einem anderen Quartierteil auf dem Markus-Roth-Platz begegnete, blieb man gerne stehen. Nicht nur, um den öden Platz etwas zu beleben, sondern, weil man sich als ein Quartier zu verstehen begann.

Nur die Lenzburgerinnen und Lenzburger – die echten – welche unser Quartier besichtigen kamen, verhielten sich zuweilen etwa so, als wäre es ein Zoo und kein Teil von Lenzburg. So hat mir auch unlängst noch eine Lenzburgerin gesagt, dass sie nun meinen alten Wohnort besichtigen war, so, als wäre sie in London gewesen und nicht in ihrer eigenen Stadt. Immerhin hat es ihr nicht schlecht gefallen. Das ist doch ein Anfang und weckt in mir die Hoffnung, dass die ehemalige Hero in neuem Kleid doch wieder Teil von Lenzburg werden wird. Jetzt kann man dort im Quartierrestaurant «Barracuda» ja auch vorzüglich essen und Liebe ging ja bekanntlich schon immer durch den Magen – gerade in Lenzburg mit seinen vielen vorzüglichen Küchen.

Und so war sie unsere Zeit im «Lenz»: Gut, wenn auch nicht ganz so grün. Uns hat es sehr gut gefallen im Zoo von Lenzburg. Und auch wenn ich es heute sehr geniesse in einer grünen Oase in Oberflachs zu wohnen, so weiss ich die Vorzüge dieses Quartiers nun doch umso mehr zu schätzen. Die Nähe zum Bahnhof wird nun sehr vermisst, wenn ich mit dem Postauto während 24 Minuten über Land geschlängelt werde.

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