Die Entscheidung ist den Räblüs nicht leicht gefallen: Sollte jetzt schon der gesamte Rebberg gelesen werden oder wartet man noch eine Woche, um den Trauben trotz des für Sonntag angekündigten Regens ein paar weitere Sonnenstunden zu gönnen?

Die Verantwortlichen der Lenzburger Ortsbürger-Rebbauern Räblüs haben sich zusammen mit ihren Kellermeistern Kathrin und Claudio Hartmann von ck-Weine aus Schinznach entschieden, die freiwilligen Helfer bereits für Samstag aufzubieten. «Vielleicht hätten wir in einer Woche ein bis zwei Öchslegrade mehr gehabt, aber durch das feuchtwarme Wetter gibt es auch mehr faule Beeren», wiegt Kathrin Hartmann das eine gegen das andere ab.

Kaum Ausschuss in diesem Jahr

Gut 40 Räblüs-Mitglieder und Gäste halfen am Samstag beim Lesen mit. Kathrin Hartmann instruierte die Helfer: «Wenn der Träubel schlabbrig ist und die Beeren rot, sind sie sauer und gehören auf den Boden.» Im Gegensatz zu andern Jahren müsse man heuer die schlechten Trauben richtiggehend suchen. Aus dem Traubengut werden vier Weine gekeltert: Ein Blanc de Noir, ein weisser Schaumwein, ein Pinot Noir und ein Pinot Noir Barrique.

Letzteren gibt es nicht jedes Jahr. Weil jedoch die Beeren heuer eine ausserordentlich gute Qualität aufweisen, wird wieder einmal ein Pinot Noir Barrique gekeltert. «Da der Blauburgunder ein sehr feiner Wein ist, kann man nicht jedes Jahr einen Barrique machen. Der Wein muss es vertragen, ein Jahr im Holzfass zu lagern», erklärte Kellermeisterin Kathrin Hartmann die Voraussetzungen für diesen Tropfen. Diese Trauben werden speziell verarbeitet. Vorstandsmitglied Kurt Wernli hat deshalb einen Teil des Rebbergs zuvor abgesperrt.

Wer zum ersten Mal an der Weinlese am Lenzburger Schlossberg dabei war, mochte sich fragen, wie es möglich ist, dass aus den tiefblauen Blauburgunder-Trauben ein Weisswein entstehen kann. Kathrin Hartmann klärte auf: «Für den sogenannten Blanc de Noir, der eine leicht rosarote Farbe hat, aber tatsächlich zu den Weissweinen gezählt wird, werden die ganzen Trauben inklusive Stiel gleich nach der Ernte gepresst. Der Saft, der daraus entsteht, ist hell. Auch der weisse Schaumwein wird nach diesem Süssdruck-Verfahren hergestellt. Für diese beiden Produkte wurden die Trauben bereits im September gelesen. Der Rotwein hingegen wird zuerst in der Maische liegen und deshalb die Farbe der blauen Trauben übernehmen.

Genug Süsse haben die Früchte in diesem Jahr auf jeden Fall. Mit über 100 Öchsle rechnet Kathrin Hartmann. «Ich spreche nicht gerne von einem Jahrhundertwein, aber dieses Jahr gibt es ganz bestimmt etwas sehr Schönes», ist sie überzeugt.