«Ausser den Brieftauben hatte jedes Tier in der Schweizer Armee ein eigenes Dienstbüchlein», sagt Stefan Laib. Er zeigt das Büchlein eines Pferdes, das fast 400 Tage Militärdienst geleistet und Sold bezogen hat; es ist kaum zu unterscheiden vom Dienstbüchlein des gewöhnlichen Soldaten. Pferde hatten auch eigene Gasmasken; selbstverständlich sind sie in der Militärsammlung Meisterschwanden von Stefan Laib zu sehen.

In der militärhistorischen Sammlung finden sich zwar auch viele grosse, geradezu klassische Objekte: gegen hundert Armeefahrzeuge (Lastwagen, Motorräder und Fahrräder), Artillerie und Fliegerabwehrgeschütze sowie Ordonnanzwaffen, Ausrüstungsgegenstände und Uniformen.

Doch Laib hat auch ein untrügliches Auge für die unscheinbaren Gegenstände des vergangenen militärischen Alltags, die das Leben der Soldaten mitgeprägt haben. Er hat nahezu alle Typen und Generationen von Wagenhebern aufgestöbert, die in der Schweizer Armee zum Einsatz kamen. Das gilt ebenso für Gamellen, Feldflaschen oder Zuckersäckchen.

Ihn interessiert der Strick, mit dem die Biwakdecken zusammengehalten worden sind, das Sanitätsvelo mit Anhänger, das kaum je zum Einsatz gekommen ist. Auch der Feldprediger findet in Laibs Sammlung eine neue Heimat, und alle drei transportablen Altarvarianten ebenfalls: die beiden katholischen und der protestantische Feldaltar samt Transportkisten sind friedlich vereint.

Guisan und Gilberte de Courgenay

«Wenn mich ein Gegenstand interessiert, dann möchte ich alle Typen davon haben, und zwar lückenlos», sagt er. So kommt es, dass er die grösste Sammlung an militärischen Kopfbedeckungen in der Schweiz besitzt, sogar ein Generalshut von General Guisan ist dabei. Und vor der fertig eingerichteten Feldpost stehen zwei originale Stühle aus dem legendären Hôtel de la Gare in Courgenay.

Laib ist ein Sammler durch und durch: Unentwegt auf der Suche nach dem, was ihm noch fehlt, Wie viele Objekte die Sammlung umfasst, kann er nicht sagen, es sind wohl einige hunderttausend. Vor einigen Jahre hat er in Meisterschwanden zwei leerstehende, ziemlich heruntergekommen Fabrikliegenschaften gekauft und mustergültig restauriert; sie enthalten heute die Sammlung, die er, unterstützt von den 42 Vereinsmitgliedern, publikumsfreundlich und informativ präsentiert.

Den Verein Freunde der Militärsammlung gibt es seit 2012. Die Freunde helfen überall mit, etwa bei Führungen oder wenn es gilt, die mobile Feldküche 1904 ins zweite Obergeschoss zu schaffen. Oder als es darum ging, die neun verschiedenen Condor-Motorräder im Dachgeschoss zu platzieren. «Da arbeiten wir nach dem Prinzip: Nichts ist zu schwer, manchmal hat man einfach zu wenig Kraft», sagt Laib.

Die Denkmalpflege bezeichnete die beiden in der Hochblüte der Strohindustrie erstellten Gebäude als «eines der wertvollsten Ensembles von Manufakturgebäude und Verwaltungsgebäude im 19. Jahrhundert im Aargau». Dank Stefan Laibs Engagement sind die beiden Fabriken und das ganze Areal nicht nur restauriert worden, sie haben auch eine neue Funktion erhalten.

Der letzte Berufsfischer

Stefan Laib ist hartnäckig, eigenwillig und direkt. Das führt dazu, dass er ab und zu bei Behörden und Instanzen aneckt. Aktuell kann er beispielsweise nicht verstehen, warum er eine über 100-jährige Quellfassung, die ihm gehört und den Brunnen auf dem ehemaligen Fabrikareal speiste, stilllegen musste. «Wenn die mich weiter plagen wollen, dann verzichte ich künftig auf jeden Gebäudeunterhalt», sagt er. «Das ist keine Drohung, sondern lediglich eine Feststellung.»

Laib hat im «Delphin» am Hallwilersee Koch gelernt und machte anschliessend eine Zweitausbildung zum Berufsfischer, welche auch diverse Ausbildungs- und Prüfungselemente am Starnbergersee in Bayern enthielt.

Ja, bestätigt er, in der Sammlerszene sei er bekannt wie «ein bunter Hund». Das sei manchmal schwierig. «Nirgendwo gibt es so viel Neider», sagt er nüchtern.

Eindrücklich ist Laibs Flair für Zahlen. Er kennt die Nummern vieler seine Karabiner auswendig, kennt die Serien, weiss, was die einzelnen Zifferfolgen bedeuten, welches die echten Trouvaillen sind. Es gefällt ihm, wenn er besser Bescheid weiss als die gedruckte Fachliteratur.

Schöne Zahlenfolgen bereiten ihm Freude. Etwa der Karabiner mit der Nummer 888 888 oder das Dolchbajonett 888. Ausgestellt ist auch die von der «Jura» entwickelte Zeltheizung, ein Nischenprodukt in den Nachkriegsjahren, als es schwierig war, Kaffeemaschinen zu verkaufen. «Die Armee hat den Schweizer KMUs viele Aufträge gebracht und Arbeit bis in die hintersten Täler.» Aber auf diesem Auge seien die armeekritischen «linken Kreise» blind.

Selber hat der 50-Jährige keine grosse militärische Karriere vorzuweisen. Er war Füsilier, dann entdeckte man, dass er gut kochen konnte, rasch landete er in der Küche und kochte fortan für die Offiziere.

Essen gehört zum Besuch

Grundsätzlich ist die Militärsammlung Meisterschwanden öffentlich. Allerdings gibt es keine geregelten Öffnungszeiten. Wer sich die Sammlung ansehen will, muss sich via Homepage anmelden.

Die Führungen enden oder beginnen jeweils zwingend im «Saurer»-Stübli, wo die Besucher meist vom Ehepaar Laib persönlich verköstigt werden; Insider schwärmen von seinen unvergleichlichen Fischchnusperli. Es wird auch kein Eintritt erhoben, der Eintritt samt Führung ist im Essenspreis inbegriffen.

«Wer kommen will, ist herzlich willkommen», sagt Laib. Aber man habe bisher keine aktive Werbung für die Sammlung gemacht. «Bisher konnten wir den Betrieb finanzieren, ohne dass wir auf Besuchereinnahmen angewiesen waren.» Mit Besuchern hat Laib nicht nur gute Erfahrungen gemacht. «Leider wird halt oft alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest ist», klagt er. Dennoch soll die Sammlung nach der Erweiterung regelmässig an einzelnen Tagen geöffnet sein.

Die Erweiterung ist notwendig, weil die bestehende Ausstellungsfläche von 3600 Quadratmetern längst nicht mehr ausreicht. Laib plant mit der Stiftung einen Ausbau um weitere 3900 Quadratmeter Ausstellungsfläche für die Fahrzeuge und um weitere 700 Quadratmeter für die militärische Hut-Sammlung.

Das passende Grundstück konnte die Stiftung bereits erwerben. Rund sieben Millionen Franken wird die Erweiterung kosten. Bisher hat Laib alle Kosten selber getragen, die Erweiterung soll nun aber durch die 2014 gegründete Stiftung Militär- und Kunstsammlung Laib getragen werden. Rund zwei Millionen Franken seien schon zugesichert, sagt Martin Widmer, Vizepräsident der Stiftung.

Zurück zu den Brieftauben. Obwohl auch sie Militärdienst leisteten, hatten sie kein eigenes Dienstbüchlein und erhielten keinen Sold. Aber sie wurden mit sämtlichen Flugleistungen im Taubenschlaginventar aufgezeichnet. Selbstverständlich verfügt die Militärsammlung Meisterschwanden auch über ein solches Taubenschlaginventar. Es hängt bei den ausgestopften Tauben.