Seengen

Hier wohnte die Upper Class: Wo Römer weilten, entsteht ein neues Kapitel Zivilisationsgeschichte

Ausgrabungsleiter Matthias Flück mit dem Fuss auf einer sehr alten Mauer.

Ausgrabungsleiter Matthias Flück mit dem Fuss auf einer sehr alten Mauer.

Die Kantonsarchäologie präsentiert nach den Ausgrabungen am Schlattweg neue Funde. Dass bereits die Römer wussten, dass es sich in Seengen gut leben lässt, ist seit gut hundert Jahren bekannt. Die Überreste eines Gutshofes deuten nun darauf hin, dass gar die Upper Class das Gebiet einst bewohnte.

Einmal im Leben über eine 2000 Jahre alte Mauer spazieren. Ohne Angst, dass man gerade Kulturgeschichte von unschätzbarem Wert zerstört. Das ist am nächsten Dienstag in Seengen am Schlattweg möglich. Denn die Mauer wird sowieso zerstört. Sie gehört zu einem römischen Gutshof, der im 1. Jahrhunderts auf dem Gemeindegebiet von Seengen angelegt wurde. Das Herrenhaus befand sich im Bereich der heutigen Kirche und des Pfarrhauses. Der Wohnteil eines römischen Gutshofs heisst Pars Urbana. Darum herum wurden die Wirtschaftsgebäude, der Pars Rustica, gruppiert.

Seit Anfang Monat führt die Kantonsarchäologie am Schlattweg eine Ausgrabung durch. Dass sich im Seenger Boden Überreste eines römischen Gutshofs befinden, weiss man seit gut 100 Jahren. 1919 kamen die ersten Funde zum Vorschein, 1936 wurde das Fragment eines Mosaiks ausgegraben, das heute an seinem Fundort ausgestellt ist.

So schön wohnten die römischen Gutsbesitzer

Matthias Flück ist Leiter Ausgrabungen bei der Kantonsarchäologie. Mit einem Plan des römischen Gutshofs in der Hand steht er auf einer Parzelle am Schlattweg. Bevor hier eine neue Überbauung entsteht, wird gegraben. Den Mauern, die man hier nun bewundern und bewandern kann, nimmt man ihr Alter kaum ab. Sie sind gut erhalten, der Mörtel hält. Wir befinden uns am Rand des Gutshofs, das Gelände fällt von der Kirche her ab. «Das ist eine Hangstützmauer», sagt er. Sie hat im Laufe der Jahrhunderte dem Hang ein bisschen nachgegeben, steht aber immer noch.

Zwischen ein paar Häuser hindurch blicken die Alpen nach Seengen. Ein schöner Bauplatz, das wussten schon die Römer. Der Gutshof war bis ins 2. Jahrhundert bewohnt. In dieser Zeit wurde immer wieder um- oder angebaut. Ob die Villa Rustica auch im 3. oder 4. Jahrhundert noch bewohnt war, kann anhand der Funde nicht gesagt werden. Was sie aber verraten: Die Besitzer dieses Anwesens dürften der Upper Class angehört haben. «Das war ein gut ausgestatteter Gutshof», sagt Matthias Flück. Darauf würden beispielsweise Wandmalereien oder die Überresten von Säulen hinweisen.

Die genaue Grösse und die Anzahl aller Gebäude liegen noch immer im Verborgenen. Deshalb sei es auch schwierig zu sagen, wie viele Menschen hier gelebt und gearbeitet haben. «Es könnten 100 bis 200 gewesen sein», sagt Flück. Neben Getreideanbau und verschiedenen Handwerken wurde womöglich auch Viehwirtschaft betrieben.

Eine reiche Provinz im Römischen Reich

Zur Zeit des Gutshofs war die heutige Schweiz ein Teil des Römischen Reiches. Während an den Rändern ständig kriegerische Völker die Grenzen bedrohten, herrschte hier in der reichen Provinz mittendrin Prosperität. Es wurde gebaut, Kleinstädte wie diejenige in Lenzburg entstanden, in Vindonissa waren Legionäre untergebracht. Gutshöfe wie in Seengen waren das Rückgrat der Versorgung der Gegend. Doch Konfliktherde weit weg sorgten dafür, dass 101 n. Chr. die 11. Legion aus Vindonissa abgezogen und das Lager aufgegeben wurde. Und irgendwann wurde der Gutshof in Seengen verlassen.

Am nördlichen Ende der Parzelle steht eine weitere Ruine, allerdings eine neuere. Auch ein Bauernhof, vermutlich aus dem vorletzten Jahrhundert, muss der neuen Überbauung weichen. Die Erbauer des Hofs sind pragmatisch mit dem antiken Erbe umgegangen. Auf eine alte römische Mauer wurde für die Wand eines Schopfs eine Betonmauer gebaut. Die alte Mauer ist so schneller verwittert, hat aber gehalten. Der Verputz auf manchen Mauern, die jetzt freigelegt wurden, ist noch so gut erhalten, dass man beinahe den römischen Menschen vor sich sieht, der die Steine sorgfältig verfugt und akkurate Linien hinterlassen hat.

Zu den Aufgaben der Kantonsarchäologie gehört nun, alles genaustens zu dokumentieren. Kleinere Funde wie Tonscherben werden aufbewahrt. Die Mauern müssen für das neue Gebäude fallen. Am Schlattweg beginnt bald ein neues Kapitel Zivilisationsgeschichte.

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