Bezirksgericht Lenzburg

Hilfsgärtner kam Stiftin zu nahe – doch verurteilt wird er nicht

Die Übergriffe geschahen im Lehrbetrieb. (Symbolbild)

Die Übergriffe geschahen im Lehrbetrieb. (Symbolbild)

Weil er seine minderjährige Arbeitskollegin mehrfach sexuell bedrängt haben soll, landete ein Mann vor dem Bezirksgericht Lenzburg.

Das Bezirksgericht Lenzburg musste sich mit einem besonders heiklen Fall von sexuellen Übergriffen beschäftigen. Heikel deshalb, weil es sich beim Opfer um eine minderjährige Lernende und beim mutmasslichen Täter um einen Arbeitskollegen handelte.

Beteiligt waren die Lernende Melanie und der Hilfsarbeiter Blerim (alle Namen geändert), ein junger Mann Anfang 20. Vor Gericht landete der Fall, weil Blerim den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft angefochten hatte. Darin wird er wegen mehrfachen sexuellen Handlungen mit Abhängigen verurteilt – zu einer bedingten Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 110 Franken und einer Busse von 1600 Franken.

Darüber, was passiert war, gingen die Versionen vor Gericht auseinander. Laut Strafbefehl absolvierte Melanie seit dem Sommer 2016 ihre Ausbildung bei einem Betrieb in der Bau-Branche. Dort war auch Blerim angestellt, schon seit mehreren Jahren. Laut Strafbefehl habe Blerim Melanie mehrmals – vergeblich – gefragt, ob sie einen Freund habe und ob sie mit ihm ausgehen wolle.

Zu körperlichen Übergriffen kam es laut Staatsanwaltschaft ab Dezember 2017. Damals wurde Melanie erstmals in dieselbe Arbeitsgruppe eingeteilt wie Blerim. Gemeinsam mit dem Vorarbeiter fuhren die Lernende und der Hilfsarbeiter zu einem Auftragsort im Bezirk Lenzburg. Sie sassen zu dritt vorne im Lieferwagen, Melanie in der Mitte und Blerim als zweiter Beifahrer rechts.

Unterwegs soll Blerim zwischen Melanies Beinen hindurchgegriffen haben, um sein Telefon an der Steckdose vor ihrem Sitz einzustecken. Als der Vorarbeiter das Auto kurz verliess, soll Blerim Melanie ans Knie gegriffen haben. Sie habe «aus Unsicherheit und Scham» bei diesem ersten Mal noch gelacht, so die Staatsanwaltschaft.

Wenig später, als sie wieder alleine waren, habe Blerim seinen Übergriff wiederholt, heisst es im Strafbefehl. Dieses Mal sei er mit seiner Hand bis zu ihren Genitalien gefahren. «Ich habe seine Hand mehrmals wegestossen», sagte Melanie vor Gericht. Die junge Frau verfolgte den Prozess aus einem Nebenraum und war für den Beschuldigten nicht zu sehen.

Blerim gab vor Gericht zu, Melanie aufgefordert zu haben, ihm seine Zigaretten aus seiner Hosentasche zu nehmen und eine anzuzünden – was sie auch tat. Er betonte jedoch, Melanie und ihn habe ein freundschaftliches Verhältnis verbunden. «Ich habe sie nur einmal am Bein berührt, es war aus Spass.»

Laut Melanie ist es jedoch seit dem ersten Vorfall im Dezember 2017 bis im März 2018 zu einigen weiteren Vorfällen dieser Art gekommen. Die Berührungen seien immer intensiver geworden, sagte sie vor Gericht. «Es fing mit einem Kitzeln am Bein an, aber mit der Zeit wurde es immer mehr.» Laut Strafbefehl habe sie Blerim ohrfeigen wollen, traute sich aber aufgrund ihrer Stellung als Lernende nicht. Auch fürchtete sie, ihr Vorgesetzter würde ihr weniger Glauben schenken als Blerim.

Ende März 2018 suchte Melanie dann doch das Gespräch mit ihrem Chef. Der berief noch am selben Abend eine «Aussprache» mit Melanie und Blerim ein, unter Beteiligung einiger Familienangehöriger der beiden. «Ich musste handeln, weil ich dieses Verhalten nicht tolerieren konnte», sagte der Chef vor Gericht. Blerim, der beim Gespräch «sehr geknickt» gewirkt und betont habe, es sei doch alles nur Spass gewesen, sei schriftlich verwarnt worden.

Melanie empfand es jedoch als unzumutbar, weiter mit Blerim zu arbeiten. Sie kündigte ihr Lehrstelle. Und reichte Strafanzeige ein. Melanies Vater, der seine Tochter vor Gericht vertrat, sagte, seine Tochter habe Blerim angezeigt, weil er etwas Verbotenes gemacht habe, und weil eine Anzeige auch Andere vor Übergriffen schützen solle.

Gerichtspräsidentin Eva Lüscher sprach Blerim vom Vorwurf der mehrfachen sexuellen Handlung mit Abhängigen frei, weil zwischen dem Hilfsgärtner und der Lernenden gar kein Abhängigkeitsverhältnis bestanden habe. Im Raum stand noch der nicht explizit angeklagte Vorwurf der sexuellen Belästigung (ohne Abhängigkeitsverhältnis).

Das ist ein Antragsdelikt. Auf Vorschlag der Gerichtspräsidentin kam es zu einem Vergleich: Blerim muss einer gemeinnützigen Stiftung 1000 Franken zahlen, dafür verzichtet Melanie darauf, den Strafantrag aufrecht zu erhalten. Ihr Vater war nicht glücklich damit. Er gab zu verstehen, dass er dies nicht für gerecht halte. Aber man akzeptiere den Vergleich.

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