Seengen

«Ich bin gottefroh, ihn zu haben»: Vor vier Jahren ist er in die Schweiz geflohen – jetzt lernt er Metzger

«Arbeiten hilft gegen Heimweh», sagt Hussein Ali Nabi (links). Er ist der erste Geflüchtete, den Erich Gloor (rechts) ausbildet.

«Arbeiten hilft gegen Heimweh», sagt Hussein Ali Nabi (links). Er ist der erste Geflüchtete, den Erich Gloor (rechts) ausbildet.

Wegen Lehrlingsmangel: Afghane Hussein Ali Nabi (27) lernt bei Erich Gloor (59) im Seenger Rebstock Metzger. Er ist Teil des letzten verbleibenden Metzger-Jahrganges am Berufsbildungszentrum (BBZ) Freiamt Lenzburg.

Am Haken hängt gehäutet ein halbes Rind – «es Muneli», erklärt ein Mitarbeiter. Im Schlachthaus riecht es intensiv nach Blut. Für das Foto legt Hussein Ali Nabi ein rund 40 Kilo schweres Stück grobzerteiltes Rind auf die Arbeitsfläche, nimmt ein Messer in die Hand, beginnt mit dem Ausbeinen. «Ich bin gottefroh, ihn zu haben», sagt Erich Gloor, Leiter der Seenger Metzgerei Rebstock, über den 27-jährigen Afghanen. Vor vier Jahren ist Nabi in die Schweiz geflohen. Jetzt lernt er Metzger – einen Beruf, dem der Nachwuchs fehlt.

«Ich habe schon früher ab und zu geschlachtet. Meine Familie hatte Schafe, Ziegen und Kühe», sagt Hussein Ali Nabi. Die Unterschiede zur Arbeit in der Schweiz seien jedoch gross. Das Ausbeinen – also das Lösen des Fleisches vom Knochen – lernte er erstmals vor zwei Jahren in Wohlen kennen. Damals empfing Berufsschullehrer Thomas Schwander 16 geflüchtete Männer aus Eritrea und Afghanistan zu einem Schnuppertag, «Schweiz aktuell» und später der «Beobachter» berichteten.

Eine Berufsschulklasse mit (fast) nur Geflüchteten

Wenige Monate später trat Hussein Ali Nabi im Rebstock die Anlehre zum Fleischfachmann an. Inzwischen ist der vorläufig Aufgenommene im zweiten und letzten Jahr, radelt jeweils in der Nacht – der Arbeitstag beginnt bereits um drei Uhr morgens – von seiner Unterkunft in Meisterschwanden nach Seengen. «Wenn jemand gerne arbeitet, ist es egal, wann man aufstehen muss», sagt er.

Auch der Chef ist zufrieden. «Hussein ist voller Elan. Er will unbedingt Metzger werden», sagt Erich Gloor. Das ist nicht selbstverständlich. «Wir finden seit zwei, drei Jahren kaum mehr Lehrlinge. Ich mache mir sehr grosse Sorgen für die Zukunft», sagt der 59-Jährige.

Zahlen der angehenden Fleischfachleute rückläufig

Die Berufsschule besucht Hussein Ali Nabi in Wohlen zusammen mit sieben weiteren angehenden Fleischfachmännern– fünf davon sind Afghanen, einer aus Eritrea, einer Schweizer. Sie sind Teil des letzten verbleibenden Metzger-Jahrganges am Berufsbildungszentrum (BBZ) Freiamt Lenzburg. Im Zuge des neuen Standortkonzeptes des Regierungsrats fiel der gewerblich-industrielle Teil der Schule vergangenes Jahr weg. Besonders die Zahlen der angehenden Fleischfachleute und Bäcker/Konditoren waren seit Jahren stark rückläufig.

Nachwuchsmangel: Flüchtlinge entdecken im Aargau den Metzger-Beruf

Der Tele-M1-Beitrag vom 30.11.2020 über Hussein Ali Nabi und Erich Gloor.

Am Vegetarismus liegt es in Seengen nicht

Der Lohn sei nicht der Grund, so Erich Gloor. «Als Metzger verdient man relativ gut.» Vielmehr habe sich das Image des Berufs negativ verändert. «Als kürzlich ein Sekundarschüler bei uns schnupperte, meinte seine Lehrerin, er sei überqualifiziert», erzählt der Leiter der Metzgerei.

Verschärft würde die Situation dadurch, dass die Grossverteiler wenig Metzger ausbilden, aber ausgebildete Fleischfachleute mit höheren Löhnen und guten Soziallseitungen abwerben. Einen Trend zum Vegetarismus hingegen spürt Erich Gloor in Seengen nicht – im Gegenteil. Im Coronajahr hat sich der Umsatz in der Metzgerei verdoppelt.

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