Im Februar hat die Stiftung Pro Specie Rara ihr Baugesuch für eine Samengärtnerei im Gebiet Hellmatt, in einer alten Gärtnereianlage der Schlossdomäne Wildegg, eingereicht. Und nun ist die Anlage schon in Betrieb. Hier will man sich ganz dem Stiftungszweck widmen können: der Förderung und Erhaltung der genetischen Vielfalt von Kulturpflanzensorten.

Saatgutvermehrung ist da essenziell. Traditionsgemäss setzte Pro Specie Rara hierfür auf ein Netzwerk von rund 650 ehrenamtlichen Hobbygärtnern und Institutionen. Aber die Züchtung und Vermehrung gewisser Sorten ist sehr aufwendig; zu aufwendig für viele Hobbygärtner. «Wir wollten zusätzlich einen Ort haben, an dem die Stiftung ihre Mission ins Zentrum stellen kann: die Herstellung von qualitativ gutem Saatgut», sagt Geschäftsführer Béla Bartha.

Bis zu fünfzig Sorten gleichzeitig

In Wildegg wird jetzt experimentiert, geprobt, verbessert. Bis zu fünfzig Sorten können hier gleichzeitig gepflanzt und vermehrt werden. Ohne wirtschaftlichen Druck, dank Sponsoren und Gönnern, etwa dem Aargauer Lotteriefonds. Pro-Specie-Rara-Produkte sind zwar unter anderem bei Coop erhältlich. «Wir versuchen aber, Nischen jenseits der Grossverteiler zu finden», sagt Philipp Holzherr. «Etwa mit Gemüse, das sich ideal für die Gastronomie eignet, oder Pflanzen, an denen Hobbygärtner Freude haben.»

Noch stehen Bauprofile zwischen den Pflanzen, es fehlen der Folientunnel und das Kalt-Gewächshaus. Hangabwärts entstehen in den nächsten Monaten noch Terrainaufschüttungen und eine Stützmauer, ins Betriebsgebäude kommt ein Büro, auch der Eingangsbereich wird neu gemacht. Hier soll ab nächstem Frühjahr ein kleiner Selbstbedienungs-Kiosk mit Setzlingen und Saatgut stehen. Investiert wurde so wenig wie möglich – aber doch genug, dass Betriebsleiterin Jessica Türler die Samengärtnerei dank technischer Hilfsmittel alleine betreuen kann. «Wir arbeiten so weit wie möglich nach Grundsätzen des Biolandbaus», sagt Philipp Holzherr, Projektleiter der Samengärtnerei.

Die Rüebli, die gleich beim Eingang wachsen, sind typische Kandidaten für die neue Samengärtnerei. Sie neigen erstens zu Inzucht, weshalb es eine gewisse Mindestanzahl von Pflanzen braucht. Zweitens verkreuzen sie sich schnell mit wildwachsenden Karotten. Drittens machen sie als zweijährige Pflanzen viel Arbeit, wenn man Saatgut gewinnen will: Im ersten Herbst müssen die gewachsenen Rüebli aus der Erde, die sortentypischsten überwintern dann im Lager, im Frühling kommen sie wieder raus in die Erde. Dann dürfen sie aufschiessen und blühen, bevor man das Saatgut ernten kann. «Im ersten Jahr habe ich Rüebli, im zweiten viel Aufwand», sagt Philipp Holzherr lachend.

Neben den Rüebli wachsen Paprika, Sorte «Lombardo», sehr schmackhaft, aber: «Die Sorte hat einen Makel», erklärt Mira Langegger, Projektleiterin Samenbibliothek. Denn mitunter ist zwischen all den milden Paprika plötzlich eine scharfe dabei – was man erst beim degustieren merkt. Diese Pflanzen sollen beim Züchten ausselektioniert werden.

«Der Klimawandel beschäftigt auch uns»

Im unteren Bereich, wo der Pächter des Schlossguts Wildegg, Alois Huber, einen Teil seines Feldes abgetreten hat, läuft ein Sortenvergleichs-Versuch: Hier wachsen verschiedene Patisson-Kürbisse, die aussehen wie kleine Ufos. Dazwischen stehen Bohnen: Sie sind Teil eines internationalen wissenschaftlichen Programms: «Der Klimawandel beschäftigt auch uns», sagt Geschäftsführer Béla Bartha. «Wir wissen nicht, ob die Sorten, die wir heute nutzen, in fünfzig Jahren noch die richtigen für die hiesigen Bedingungen sind.»

Deshalb haben verschiedene europäische Länder ihre Bohnen-Sorten untereinander ausgetauscht, um zu prüfen, wie diese in anderen klimatischen Bedingungen – zum Beispiel eben in Wildegg – wachsen.