Gemeindeammann
In seiner Freizeit läuft der Möriker Ammann Marathon – nach 18 Jahren tritt er von der Gemeindepolitik zurück

Beim Sport zeigt er ein beachtliches Durchhaltevermögen, in der Politik gilt er als hartnäckiger Partner. Nach 18 Jahren in der Gemeindepolitik, 11 davon als Ammann, tritt Hans-Jürg Reinhart in Möriken-Wildegg Ende Jahr ab.

Ruth Steiner
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Hans-Jürg Reinhart im Gemeindehaus Möriken-Wildegg.

Hans-Jürg Reinhart im Gemeindehaus Möriken-Wildegg.

Chris Iseli

Der Zermatt-Marathon führt von St.Niklaus auf den Riffelberg am Gornergrat: 42 Kilometer lang, es gilt gut 1800 Höhenmeter zu überwinden. Zu denen, die die Laufschuhe schnüren und sich für so etwas schinden, gehört Hans-Jürg Reinhart. Pro Jahr absolviert er gemeinsam mit seiner Frau zwei Monsterläufe. Den bereits erwähnten Berglauf und einen Stadtmarathon in Europa: Auf diese Weise hat das Ehepaar auch schon Venedig, Florenz, Rom und München kennen gelernt.

Stehvermögen zeigt der heute 62-jährige Chemie-Ingenieur ETH auch in der politischen Tätigkeit. «Ich habe die politische Arbeit immer sehr gern gemacht, sonst hätte ich schon längst aufgehört», sagt er kurz vor dem Schluss. Wenn Reinhart Ende Jahr zurücktritt, ist er 18 Jahre im Gemeindehaus Möriken-Wildegg ein- und ausgegangen, sieben Jahre als Gemeinderat, die vergangenen elf Jahre als Ammann.

Viele Jahre mit Projekt Bahnhof beschäftigt

Seine politischen Projekte hier alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Bei der Frage nach dem grössten Brocken muss Hans-Jürg Reinhart nicht lange überlegen. «Der Bahnhof», sagt er. Das Gesamtprojekt umfasst den Umbau des Bahnhofs Wildegg und den Ausbau von zwei Bushöfen. Kostenpunkt: insgesamt 24 Millionen Franken. «Wir haben sicher acht Jahre lang daran gearbeitet, bis das Projekt aufgegleist war», hält er fest.

Ab jetzt findet das Gespräch vornehmlich vor dem riesigen Plakat statt, das die eine Wand im Ammann-Büro dominiert. Es ist das Gesamtkonzept Wildegg, Raumplanung und Verkehr. «Die Raumplanung macht mir grossen Spass», sagt Reinhart und zeigt auf die Quartiere, in denen sich der Ort in Zukunft verändern wird: Gestaltungspläne gibt es bei der ehemaligen Sagi (Aar­auerstrasse/Lindenstrasse) und Lauematt. Am Bahnhof gibt es eine Gestaltungsplanpflicht und später kommt Hinterwildegg dazu.

Überall hängen Fotos vom berühmten Möriker Bürger

In Erinnerung bleiben werden Hans-Jürg Reinhart auch die Begegnungen mit der Familie des verstorbenen Schauspielers Yul Bryner. Möriken-Wildegg hat ihrem berühmten Bürger einen Platz gewidmet, an dessen Einweihung Familienvertreter teilgenommen haben. Sie sind nicht mit leeren Händen gekommen. Im Gepäck brachten sie Fotos mit, welche Hobbyfotograf Bryner von Familie und Schauspielkollegen gemacht hat. Die Fotos zieren nun Wände im Gemeindehaus und dem angrenzenden Gemeindesaal.

Wie ist Hans-Jürg Reinhart mit brenzligen Situationen umgegangen? In Streitgesprächen sei er eher der Schlichter, sagt er. «Das Gespräch muss zu einer Lösung führen. Es bringt nichts, wenn es am Schluss lauter rote ‹Grinde› gibt». Gleichzeitig beeilt sich Reinhart jedoch zu erwähnen, dass Möriken-Wildegg «eine gesunde Politkultur pflegt». Seine Nachfolgerin Jeanine Glarner sagt über ihn: «An Hans-Jürg ist mir rasch aufgefallen, wie er nie aus der Fassung gerät, eine stoische Ruhe ausstrahlt und manche Diskussionen auch mit Ironie und Sarkasmus begleitet.» Eine Meinung, die im Gemeindeverband Lebensraum Lenzburg Seetal (LLS) geteilt wird. Seit Gründung des LLS war Reinhart als Vertreter der Aabach-Gemeinden im Ausschuss dabei (an seiner Stelle wurde Ammann-Nachfolgerin Jeanine Glarner gewählt) dabei.

Verbandspräsident Daniel Mosimann bezeichnete Reinhart beim Abschied als Meinungsbildner, der es verstehe, Dinge auf den Punkt zu bringen, Kritik mit Humor, wenn nötig mit einer Prise Ironie anbringe. In der Zusammenarbeit mit dem Kanton gelte er «als hartnäckiger Partner, der sich nicht einfach abspeisen lässt».

Kooperation Lebensraum Lenzburg Seetal wichtig

Diese Ehrung nahm der scheidende Möriker Ammann mit einem Lächeln entgegen, um gleich darauf eine Lanze für den in letzter Zeit verschiedentlich in die Schlagzeilen geratene LLS zu brechen. «Die fünf Franken pro Einwohner in den Gemeindebudgets sind gut eingesetzt», ist er überzeugt.

Auch später im separaten Gespräch sagt er, dass diese Kooperation einen starken Auftritt der Region ermögliche, was nicht zuletzt für die Wirtschaftsförderung der gesamten Gegend von «grossem Wert» sei. Auch das Netzwerken schätzt er, welches die vierteljährlichen Vorstandssitzungen der 26 Verbandsgemeinden ermöglichen. Dass man dort nach Sitzungs­ende zusammen ein Glas trinkt und sich austauscht, ist Möriken-Wildegg zu verdanken, wie Reinhart etwas verschmitzt gesteht. Als bei der Gründung «komplizierte Spesenreglemente» vorgeschlagen wurden, habe er beantragt, von Spesen abzusehen. «Stattdessen soll jeweils die Gemeinde, welche die Vorstandssitzung durchführt, einen Apéro offerieren.»

Nach dem Vorbild des LLS sieht der scheidende Ammann in Zukunft auch die Möglichkeit eines politischen Zusammenschlusses von Gemeinden in der Region. Auch hier müsste jedoch in grösseren Dimensionen gedacht werden. «Nur Eins-zu-eins-Fusionen bringen nichts. Der Aufwand ist zu gross.» Der Ansatz, der in Aarau mit dem Zukunftsraum gewählt wird, findet er sinnvoll. Ebenso, dass die verbleibenden Gemeinden weitermachen, auch wenn einzelne im Verlaufe des Prozesses aussteigen.

Das Golf-Handicap muss besser werden

Hans-Jürg Reinhart steigt nun zwar aus der politischen Arbeit aus. Beruflich geht es unverändert weiter, im Freizeitsport ebenfalls. Sportliche Wettbewerbe gibt es aktuell keine, Corona wegen. Das hält Reinhart jedoch nicht davon ab, sich fit zu halten. Er betont, die Freude am Laufen und an der Natur überwiege, nicht der unbedingte Wille, neue persönliche Bestzeiten zu laufen. In der Wintersaison ist Varianten-Skifahren angesagt und Snowboarden auf der präparierten Piste. Am liebsten in Zermatt, dort fühlt sich das Ehepaar heimisch. Golfen tut Reinhart auch. Das Handicap sei nicht besonders, sagt er, noch nicht. «Das muss sich ändern.»