Die Geschichte des Schweizer Bürgerrechts hat schon einige Jahre auf dem Buckel. In der helvetischen Verfassung von 1798 taucht sie erstmals auf. Allerdings trat sie erst 1848 dergestalt in Kraft, wie wir sie heute kennen, nämlich dass alle Kantonsbürger auch Schweizer Staatsbürger sind.

In den Siebzigerjahren bekam das Schweizer Bürgerrecht ein wenig Schnupfen, man hatte Angst vor Überfremdung und wollte die Einbürgerungen auf 4000 Personen pro Jahr beschränken. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 gab es 44 000 Einbürgerungen schweizweit. Die damalige Initiative jedenfalls wurde verworfen, was allerdings nicht bedeutet, dass das Schweizer Bürgerrecht selig vor sich hin existierte.

Mal war es in den Achtzigerjahren die Ungleichbehandlung von Mann und Frau, dann wurde das Bürgerrecht durch den Film «Die Schweizermacher» persifliert und zuletzt gab es auf Bundesebene eine Senkung der Gebühren zur Einbürgerung, allerdings eine fast gleichzeitige Verschärfung der Anforderungen zur Erlangung des Schweizer Bürgerrechts.

Nun bin ich bereits 12 Jahre Bewohner dieses wunderschönen Landes, habe mir eine Existenz hier aufgebaut und schätze Mensch, Natur und Lebensbedingungen.

Sollte auch ich das Schweizer Bürgerrecht anstreben?

Ich habe ein Weilchen überlegt und gehadert. Rein praktisch bräuchte man den roten Pass nicht, sofern man auf das Wahlrecht verzichten kann. Aber vielleicht aus emotionalen Gründen? Bin ich ein vollwertiges Mitglied der Schweizer Gesellschaft? Gut integriert?

Ich bin zumindest keine Last für die Sozialsysteme, zahle Steuern und gebe etwa 50 Menschen Arbeit, die wiederum auch ihren Beitrag an den Staatssäckel leisten.

Aber genügt das, um Schweizer zu werden? Fühle ich mich eigentlich willkommen und integriert? Auch wenn ich nie öffentlich oder direkt betreffend meiner Nationalität angegriffen wurde, gab und gibt es immer wieder Situationen, wo ich das Gefühl hatte, dass ich es als Sohn einer alteingesessenen Aarauer Familie deutlich einfacher gehabt hätte. Oder wenn ich doch zumindest im Militär gewesen wäre und dort meine Netzwerke geknüpft hätte.

Unterm Strich aber erlebe ich grösstenteils Positives. Wenn ich an unsere wunderbaren Patientinnen und Patienten denke, mit denen die Arbeit grosse Erfüllung bedeutet und die Kommunikation und das Miteinander einfach wunderbar ist!

Auch Gastärzten sind die «angenehmen Aargauer Patienten» schon aufgefallen. Die vielen tollen Geschäftspartner, die geschätzten Kollegen und die wertvollen Freunde, die ich alle in den letzten 12 Jahren kennen lernen durfte und die mir sehr am Herzen liegen.

Immer wenn ich von meinen Reisen zurückkomme und Roger Federer mich am Flughafen Zürich von der Credit Suisse Videowand begrüsst, fühle ich mich zu Hause angekommen. Und was ist nun die Konsequenz? Genau! Ich möchte das Schweizer Bürgerrecht erlangen!

Bei der ersten Kontaktaufnahme mit der Gemeinde wurde ich zunächst förmlich und im Konjunktiv auf die Anforderungen zur Einbürgerung hingewiesen. Als ich daraufhin antwortete, dass ich die Bedingungen erfülle, wurde ich zu einem Erstgespräch eingeladen.

Zwei Vertreter der Gemeinde haben sich viel Zeit genommen und mir freundlich und in Ruhe alles erklärt, was ich an Unterlagen vorbeibringen müsse und was sonst noch erfüllt sein müsse.

Die Unterlagen zusammenzutragen, ist ein rechter Aufwand, man muss sich praktisch komplett transparent machen. Als dann alle Unterlagen vollständig waren und von der Gemeinde geprüft wurden, wurde ich zum Einbürgerungstest eingeladen.

Man kann sich im Internet zwar auf die Fragen gut vorbereiten, allerdings steigt der Schwierigkeitsgrad mit höhergradigem Schulabschluss, was mir während des Tests diverse Schweissperlen auf die Stirn trieb. Denn viele der Fragen hatte ich vorgängig bei den Internet-Tests kein einziges Mal gesehen. Es hat am Ende dennoch gereicht.

Das abschliessende persönliche Gespräch mit der Gemeinde fand dann einige Monate später statt. Auch dieses Gespräch war sehr freundlich, ungezwungen und fair. Es gab diverse Themengebiete wie Politik, Gesundheitswesen und Belange der Gemeinde. Einiges konnte ich problemlos beantworten, bei anderen Fragen hatte ich durchaus Schwierigkeiten.

Schlussendlich hat man aber befunden, dass ich hinreichend integriert sei und die Einbürgerung gutgeheissen. Bereits wenige Tage später bekam ich von der Gemeinde den Bescheid, dass mein Gesuch nun bei der Einbürgerungskommission des Kantons liege. Nun heisst es warten ... bis irgendwann der rote Pass in meiner Post liegt.