Aussergewöhnlicher Beruf
Kein Job für schwache Nerven: Der Brunegger Gemeinderat Thomas Brügger präpariert Leichen

Von den Lokalpolitikern der Region hat der neu gewählte Brunegger Gemeinderat Thomas Brügger den wohl aussergewöhnlichsten Beruf.

Ruth Steiner
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Ein Fototermin am Arbeitsplatz ist mit Thomas Brügger nicht möglich, im Landgasthof im Dorf hingegen schon.

Ein Fototermin am Arbeitsplatz ist mit Thomas Brügger nicht möglich, im Landgasthof im Dorf hingegen schon.

Britta Gut

Thomas Brügger hat in seinem Beruf mit Menschen zu tun. Das allein ist nichts Aussergewöhnliches. Das Besondere daran ist jedoch, dass die Menschen verstorben sind, wenn sie zu ihm gebracht werden. Thomas Brügger ist Humanpräparator. Sein Arbeitsort ist das Institut für Pathologie am Kantonsspital Aarau (KSA).

Brüggers Arbeit ist dann gefragt, wenn die Angehörigen und behandelnden Ärzte von Menschen, die eines natürlichen Todes gestorben sind, die genaue Todesursache wissen möchten. Dann wird eine Autopsie angeordnet. Spätestens jetzt kommt wohl jedem, der die Fernsehserie «Der Bestatter» kennt, unweigerlich die Erinnerung an den Gerichtsmediziner Alois Semmelweis hoch: in einem kalten, sterilen, weiss gekachelten Raum stehend, vor sich auf dem Tisch eine in weisses Laken gehüllte Leiche. Ist Brügger ein Semmelweis im KSA? Brügger lacht und schüttelt den Kopf. «Der Bestatter ist Unterhaltung, da wurde alles viel zu klischeehaft wiedergegeben. Zudem ist Semmelweis Mediziner. Ich bin Humanpräparator, das ist nicht vergleichbar.» Worin der Unterschied genau liegt, erklärt er so: «Bei einer Autopsie sind die Ärzte für den fachlichen Teil der Arbeit zuständig. Ein Humanpräparator leistet technische Unterstützung.»

Respektvoller Umgang mit den Verstorbenen

Vor neun Jahren hat der heute 46-Jährige die Backstube des Familienbetriebes in Mellingen «mangels Perspektiven», wie er sagt, mit dem Institut für Pathologie am KSA getauscht. Er wollte damals etwas total Neues anpacken und hat sich auf ein Inserat beworben, in dem das KSA einen Präparator und IT-Supporter suchte. Nicht zuletzt die etwas seltsame Kombination habe seine Neugier geweckt, erzählt er rückblickend.

Eines ist sicher: Der Job ist nichts für schwache Nerven. Das hat Thomas Brügger rasch einmal feststellen müssen. «Man sieht sich definitiv mit belastenden Situationen konfrontiert. Vor allem, wenn man junge Menschen oder Jahrgänger vor sich hat.» Bei Gleichalterigen habe er sich auch schon gedacht: «Das könnte ich sein, der hier liegt.» Der Humanpräparator hat sich ein eigenes Ritual zugelegt, mit dem er die professionelle Distanz zu den vor ihm liegenden toten Menschen herstellt. «Ich begrüsse und verabschiede die Verstorbenen, als wenn sie mich hören könnten.»

Rupperswiler Vierfachmord war riesige Belastungsprobe

Es kann vorkommen, dass Brügger beim Institut für Rechtsmedizin aushelfen muss. Dort werden beispielsweise Unfalltote oder Opfer von Tötungsdelikten aus rechtsmedizinischen Gründen obduziert. Und hier hat Thomas Brügger den bisher schwersten Moment in seiner Tätigkeit am KSA erlebt. Das war im Dezember 2015, als der Mordfall von Rupperswil eine Angelegenheit der Rechtsmedizin wurde. Er erinnert sich daran, als wäre es gestern gewesen. «Als ich an jenem Abend auf dem Heimweg mit dem Auto an Rupperswil vorbeigefahren bin, sind mir die Tränen gekommen.»

Auch in der Freizeit nicht mit den Massen

So ausgefallen wie sein Beruf, sind auch Thomas Brüggers Freizeitbeschäftigungen. Er ist Sporttaucher und betreibt Geocaching. Letzteres ist als eine Art digitale Schnitzeljagd zu verstehen.

Ab Neujahr wird Thomas Brügger zudem Gemeinderat. In Brunegg, als Ersatz für Jörg Vogelsang. Wie schon beim Berufswechsel ist es auch jetzt das Neue, welches ihn an der politischen Aufgabe reizt. Es gefalle ihm gut im Dorf, sagt er, seit Jahren ist er Mitglied in der Regionalen Feuerwehr Maiengrün und im Feuerwehrverein Brunegg.

Wie stellt sich Thomas Brügger die politische Arbeit vor? «Ich will nicht die Welt verändern, sondern ein lebenswertes Brunegg mitgestalten.» Die auf gestern in Aarau anberaumte Vereidigung musste coronabedingt abgesagt werden.