Ratlosigkeit

Knall bei der Praxiskette «MeinArzt»: Warum die Schliessung die Gemeinde Staufen besonders hart trifft

Schockierte Patienten: Sechs weitere Arztpraxen per sofort geschlossen

Schockierte Patienten: Sechs weitere Arztpraxen per sofort geschlossen – der Bericht von Tele M1.

Nach der Schliessung fast aller Aargauer «MeinArzt»-Praxen stehen die Patienten vor verschlossener Tür – so auch in der 4000 Einwohner zählenden Boom-Gemeinde Staufen, wo die Praxis die einzige im Dorf war.

Tausende Aargauer Patienten können nicht mehr zu ihrem Hausarzt: Sieben von acht Praxen der Kette MeinArzt wurden Knall auf Fall geschlossen. Die Schliessung erfolgte teils offenbar so kurzfristig, dass die Patientendossiers nicht mehr abgeholt werden konnten.

Auch in Staufen stehen die Patienten vor verschlossener Tür – und wenig später ratlos am Schalter der Gemeindeverwaltung. Weiterhelfen kann man ihnen dort aber nicht. Auch beim Ehepaar Podzorski gehen viele Anfragen ein. Bis im Frühsommer gehörte die Praxis nämlich ihnen. 34 Jahre lang war Doktor Franz Podzorski in Staufen tätig – einer jener Hausärzte, die Tag und Nacht für ihre Patienten da sind, die jeden im Dorf kennen.

Podzorski und seine Frau Ursula, die als Praxisassistentin all die Jahre an seiner Seite gearbeitet hatte, sind zwar längst über das Pensionsalter hinaus. Dennoch hätten sie sich lieber nur allmählich aus der Praxis zurückgezogen. Plötzlich aufgetretene gesundheitliche Probleme zwangen den Arzt aber dazu, sehr viel rascher als geplant eine Nachfolge zu finden.

«Der Gemeinderat hat uns die Zusammenarbeit mit Mein-Arzt vorgeschlagen», erzählt Ursula Podzorski. «CEO Christian Neuschitzer war daraufhin bei uns. Es hat alles sehr gut geklungen; wir waren überzeugt, dass uns in unserer Situation nichts Besseres passieren konnte. Also haben wir MeinArzt das Praxisinventar und den Patientenstamm verkauft, die Räumlichkeiten sind nur vermietet.»

In den ersten Monaten sollte die Ärztin, die in der Seoner MeinArzt-Praxis beim Hallenbad tätig ist, überbrückungsweise auch in Staufen Patienten betreuen. Ab November wäre ein neuer Arzt fix gekommen. Für die Gemeinde ist das wichtig: Staufen ist stark gewachsen und hat fast 4000 Einwohner – aber nur diese eine Praxis.

«Ich darf die Krankenakten nicht herausgeben»

MeinArzt hat die Staufner Praxis per 1. Juni übernommen. Wenige Tage später brachte die SRF-­«Rundschau» einen ersten kritischen Beitrag über die Praxiskette, in dem mehrere Ärzte, darunter der Seoner Riccardo Regli, ihre negativen Erfahrungen schilderten. Die AZ berichtete Ende Juni über eine Aarauer Ärztin, die ihre Zusammenarbeit mit Mein­Arzt ebenfalls nach wenigen Monaten empört beendet hat. Überall klingen die Vorwürfe ähnlich: Versprechen, die nicht gehalten worden waren; nicht fristgerecht bezahlte Rechnungen, chaotisches Management, unerfahrene Leute.

Die beiden Praxisassistentinnen der Podzorskis wurden von MeinArzt übernommen, kündigten jedoch bald, weil das MeinArzt-Management die etablierten Prozesse völlig über den Haufen warf. Zeitweise wurden Praxisassistentinnen aus der Seoner Praxis nach Staufen transferiert. Und nun steht alles still.

Das Ehepaar Podzorski weiss bis heute nicht genau, was los ist. Finanzielle Probleme, habe es vonseiten MeinArzt geheissen. Wegen Corona, wegen der Sommerferien, wegen der kritischen Medienberichte. «Ich habe das Gefühl, durch den starken Wachstumskurs ist ihm alles völlig über den Kopf gewachsen», sagt Ursula Podzorski über den MeinArzt-CEO.

Seit zwei Wochen sei der Kontakt mit Christian Neuschitzer abgebrochen. «Ich darf zwar in die Praxis, um Abrechnungen zu machen, aber ich darf keine Krankengeschichten herausgeben. Wir werden jetzt mit unserer Rechtsvertreterin prüfen, was unsere Optionen sind und wie den Patienten allenfalls geholfen werden kann, an ihre Akten zu kommen.»

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