Brunegg

Lekkerland-Chef: «Schade, haben wir die letzte Kurve nicht geschafft» – Liquidation betrifft 144 Mitarbeitende

Lekkerland in Brunegg.

Lekkerland in Brunegg.

Von Brunegg aus belieferte die Firma Lekkerland 2700 Kioske oder Tankstellen im ganzen Land. Ein Investor stieg kurz vor Vertragsunterzeichnung trotz mündlicher Einigung aus. Geschäftsführer Raphael Maier ist derweil bestrebt, dass seine Mitarbeiter nicht arbeitslos werden.

Nach der Selbstständigkeit kam das Aus: Letztes Jahr erst trat der Schweizer Ableger des europäischen Lebensmittellieferanten Lekkerland aus dem Konzern aus. Sie packten die Herausforderungen an, korrigierten Dinge im Unternehmen, kamen laut Geschäftsführer Raphael Maier «langsam auf guten Weg». Die Situation auf dem Markt mit den neuen, grossen Mitbewerbern war aber seit Jahren keine einfache, Lekkerland Schweiz musste Kundenverluste einstecken. «Es war eine grosse Herausforderung für uns alle», sagt er. «Und es ist schade, haben wir jetzt die letzte Kurve nicht geschafft.»

Die nun angemeldete Liquidation sei demnach auch keine Auswirkung von Corona – oder immerhin nicht nur. Schliesslich hatte Lekkerland Schweiz bereits einen inländischen Investor an der Angel, der wahrscheinlich wegen Corona in letzter Minute abgesprungen ist. «Mündlich waren wir uns schon einig, die Verträge waren aufgesetzt. Es wäre effektiv nur noch um die Unterschrift und um Einzelheiten gegangen», sagt Raphael Maier.

Dann kam der Lockdown, die Eigentümer der Lekkerland und der Investor hätten sich darauf geeinigt, dass in der Zeit zuerst mal jedes Unternehmen für sich selber schaut. Die mündliche Abmachung von zuvor sei aber geblieben, Lekkerland Schweiz habe deshalb auch nicht nach anderen Investoren Ausschau gehalten.

Tolles Team – schmerzhafter Schlag

Für eine Übernahme des Betriebs besteht nun kaum Hoffnung. «Vielleicht gibt es noch einen weissen Reiter», sagt Raphael Maier, immerhin für Teile des Geschäfts. Insolvent sei die Firma nicht: Die Liquidität sei da, der Betrieb in Brunegg soll noch bis Ende Jahr fortgeführt werden. Die 144 Angestellten werden bis dann weiterbeschäftigt, derweil setzt sich Raphael Maier stark dafür ein, dass seine Leute in andere Unternehmen unterkommen können und nicht arbeitslos werden.

«Ich bin mit allen Geschäftsführern von unseren Mitbewerbern in Kontakt und versuche, Brücken zu bauen, damit unsere Mitarbeitende und Kunden dort eine Chance bekommen», sagt er. «Ich gehe davon aus, dass für viele eine Lösung gefunden wird. Wir haben ein tolles Team, es ist ein schmerzhafter Schlag.»

Die Lekkerland Schweiz ging 1998 aus einer Kooperation zwischen dem europäischen Mutterkonzern und der früheren Usego-Gruppe hervor. Vor 15 Jahren wurde der Standort in Brunegg eröffnet, 2013 der Grosshandelzweig der Valora übernommen, 2016 die Contadis in Oberentfelden. 45 Stellen wurden damals gestrichen. Nach dem Zerfall der «Bon appétit»-Gruppe 2003 sei laut Raphael Maier der Markt stark gewachsen, bis vor acht Jahren noch wurden immer mehr Tankstellenshops eröffnet. Dann entdeckten Coop und ­Migros die Nische, der Druck stieg.

Wegfall von Steuern: Gemeinde hatte Steuerfuss bereits erhöht – und drückt die Daumen

Der Expansionskurs von Lekkerland in der Schweiz wurde letztes Jahr gestoppt, als die deutsche Rewe-Gruppe Lekkerland Europa übernahm, aber keinen neuen Einstieg in den Schweizer Markt wagen wollte. So blieb nur der Weg in die Selbstständigkeit ohne grossen Konzern im Rücken.

In Brunegg wird die Liquidation mit grossem Bedauern aufgenommen, ganz überraschend käme sie aber nicht: Auch deshalb habe die Gemeinde kürzlich den Steuerfuss von 99 auf 105 Prozent erhöht, sagt Gemeindepräsidentin Ruth Imholz Strinati, die mit Raphael Maier in engem Kontakt steht. «Er ist eine sehr fähige Persönlichkeit und ich schätze sein Bestreben, Mitarbeitete an die Konkurrenz zu vermitteln. Wir drücken für alle die Daumen.»

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