Lenzburg
Fast 75 Tage alleine auf dem Atlantik: Ein Lenzburger erzählt vom Abenteuer seines Lebens

Sandro Detig nahm an der Talisker Whisky Atlantic Challenge teil und ruderte über 3000 Seemeilen. Er erzählt von seinen grössten Herausforderungen und wie sich die ersten Schritte auf Land nach rund 2,5 Monaten angefühlt haben.

Anja Suter
Drucken
Sandro Detig erreichte kurz vor Mitternacht nach 2,5 Monaten Antigua.

Sandro Detig erreichte kurz vor Mitternacht nach 2,5 Monaten Antigua.

Bild: Penny Bird

Nach 74 Tagen, 15 Stunden und zwei Minuten machte Sandro Detig in Antigua seine ersten Schritte auf festem Boden, als er am 24. Februar um 23.24 Uhr aus seinem Ruderboot ausstieg. Es sei eine wacklige Angelegenheit gewesen, sagt Detig, der mittlerweile wieder in seiner Wohnung in Lenzburg sitzt. «Aber ich wusste ja, dass es nicht einfach werden würde und habe mich bei jedem Schritt sehr konzentriert, ich wurde sogar gelobt», erzählt er und grinst. Der Empfang in Antigua sei hochemotional gewesen, erklärt der 28-Jährige. «Das war schon extrem krass und sehr emotional. Ich habe auch geheult. Einfach, weil mir in diesem Moment klar wurde, dass ich es geschafft habe. Alle Anspannung fiel von mir ab und die Emotionen kamen auf.» Der Lenzburger wurde nicht nur von seiner Familie erwartet, die ihn «enthusiastisch-hysterisch» empfangen hat, sondern auch von vielen Mitgliedern der Rennorganisation und einigen Schaulustigen.

Sandro Detig ist seit rund 1,5 Wochen wieder in der Schweiz. Sein Abenteuer hat Spuren hinterlassen. Der Lenzburger ist gebräunt und hat einige Kilogramm verloren. «Beim Start hatte ich 66 Kilogramm auf die Waage gebracht, ich war eigentlich bis zum Schluss überzeugt, dass ich nicht allzu viel abgenommen habe», erzählt er. Der Gang auf die Waage im Ziel zeigte ihm aber das Gegenteil: Während seines Abenteuers verlor er 12 Kilogramm. «Während des Ruderns habe ich davon, ehrlich gesagt, gar nichts bemerkt. Ich hatte immer genügend Energie zum Rudern und habe kurz vor Antigua auch noch einen Schlussspurt hingelegt.» Dass da doch einiges an Energie fehlte, merkte er erst an Land, als er noch eine Woche mit seiner Familie in Antigua verbrachte. «Ich hatte extreme Konzentrationsschwierigkeiten und merkte, dass ich nicht wirklich leistungsfähig bin.»

Ohne Handy und Laptop auf hoher See

Die Leistung von Gehirn und Körper käme aber jetzt Stück für Stück wieder zurück, sagt der 28-Jährige auch ein wenig erleichtert. Und auch an die rund 75 Tage seiner Reise erinnert er sich gut. Vieles dokumentierte er mit Fotos oder Videos, einiges auch mit Whatsapp-Chats mit Freunden und Familien. Solange es denn möglich war. «Am 45. Tag schmierte mir mein Handy ab, wenig später folgte der Laptop.» Für den ausgebildeten Informatiker war dies ein Horrorszenario. Nicht primär, weil er von der Aussenwelt abgeschnitten war, dank des Satellitentelefons konnte er nach wie vor mit seinen Liebsten und der Rennleitung kommunizieren.

Das Problem war vielmehr die fehlende Musik: «Ich wusste einfach, dass ich das mental brauche.» Not macht bekanntlich erfinderisch, so probierte Detig sein Telefon mit allen ihm auf dem Boot zur Verfügung stehenden Mitteln zu reparieren. Mit einem kleinen Teilerfolg: «Das Problem war der Ladeanschluss meines Handys, daher konnte ich den Akku nicht mehr richtig laden, meistens reichte es für ein paar Prozent, also zwei bis drei Lieder.» Mehr als einmal habe er seine Situation verflucht: «Ich stand auf dem Deck und habe den Ozean und seine Wellen verflucht mit allem, was ich im Repertoire hatte.» Doch Detig ruderte trotzdem weiter und besuchte sogar ein anderes Schweizer Ruderteam auf dem Atlantik.

Bisher 10'000 Franken für gute Zwecke gesammelt

Das Abenteuer seines Lebens würde Sandro Detig «tendenziell schon wiederholen», wie er sagt. «Aber nicht sofort, dafür war der finanzielle Aufwand und die Bürokratie zu gross.» Doch es habe auch viele schöne Momente gegeben, so etwa die tierischen Begleiter auf dem Ozean oder auch menschlicher Besuch, wie Alfonso, der mit seiner Urki segelte. Nicht zu unterschätzen ist auch der finanzielle Ertrag. Sandro Detig sammelte bis jetzt rund 10'000 Franken für Swiss Transplant und Cystische Fibrose Schweiz. Auch jetzt, nach seiner Rückkehr nehme er noch Spenden an. Ganz scheint Detig sein Ruderabenteuer nicht losgelassen zu haben. «Wenn mir jetzt jemand sagen würde, dass er 2023 an einem Rennen teilnimmt und alles organisiert, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass ich zusagen würde, sehr hoch.»

Mehr Informationen zu Sandro Detig unter www.alungjourney.ch

Aktuelle Nachrichten