Lenzburg
Hat der böse Nachbar die Schülerin (12) mit dem Auto gestreift? Ein heikler Prozess

«Der Vorfall ist konstruiert», sagte der Verteidiger des Hybrid-Fahrers. Der Prozess sei die Folge einer Nachbarschaftsfehde. Die Bezirksrichterin sah es nicht so und verurteilte den 54-Jährigen.

Peter Weingartner
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Der Gerichtssaal des Bezirksgericht Lenzburg Seetal.

Der Gerichtssaal des Bezirksgericht Lenzburg Seetal.

Chris Iseli

Die Konstellation: Aussage gegen Aussage. Hat es eine leichte Streifkollision gegeben, oder ist die Geschichte frei erfunden? Kann ein 12,5 Jahre altes Mädchen, nennen wir es Vanessa, eine Geschichte einfach so erfinden? Oder steckt die Familie dahinter, die dem bösen Nachbarn eins auswischen will? Will der 54-jährige Herr Huber (Name geändert), der Nachbar gegenüber in einem Quartier in der Region, idyllisch in Waldesnähe gelegen, von einer Straftat einfach nichts wissen?

Salbe, Schmerzmittel und Strafantrag

Vor dem Bezirksgericht Lenzburg, Vanessa ist inzwischen knapp 14 Jahre alt, erzählt sie von jenem Vorfall, morgens um 8 Uhr auf dem Weg zur Schule. Sie habe etwas gespürt, am Ellbogen, weh habe es getan. Und dann hat sie das Auto gesehen, dass sie offenbar touchiert habe. Und sich dessen Nummer gemerkt. Das Hybrid-Auto von Herrn Huber! Vermutlich habe der Rückspiegel den Ellbogen Vanessas, die die Hände in der Jackentasche hatte, berührt. So sieht es auch die Kollegin, die ebenfalls am Strassenrand stand. Die Mädchen gehen in die Schule; Herr Huber fährt zur Arbeit. Vanessas Vater machte daraufhin einen Termin beim Arzt. Diagnose: Ellenbogenkontusion (Prellung). Keine Schürfung, keine Schwellung. Vanessa erhielt eine Salbe und Schmerzmittel. Am gleichen Tag stellte Vanessas Vater einen Strafantrag.

«Ich war wie vor den Kopf gestossen»

«Ich war wie vor den Kopf gestossen, wusste nicht, worum es geht», kommentiert Herr Huber die Situation, als er mit einem Strafbefehl konfrontiert wird. Der wirft ihm fahrlässige einfache Körperverletzung und fahrlässige Führerflucht nach Verkehrsunfall mit Personenschaden vor. Für ihn gehe die Sache rein zeitlich gesehen nicht auf. Er habe die Stelle bis zur Einmündung in die grössere Strasse, bei der jener Vorfall stattgefunden haben soll, früher passiert, als die Mädchen angegeben haben. Es geht um Minuten.

«Schutzbehauptungen», sagt der Anwalt Vanessas und ihrer Familie. Aufgrund der Indizien und der Aussagen der Mädchen liege ein schuldhaftes Verhalten vor. Das bestreitet Herrn Hubers Verteidiger vehement. Sein Mandant habe keine Erinnerung an einen Vorfall, und er verlangt einen Freispruch auf der ganzen Linie. Selbst wenn etwas passiert wäre, von einer einfachen Körperverletzung könne keine Rede sein: keine Schwellung, kein Hämatom. Kontusionen gälten nicht als Verletzung. Wenn schon, wärs eine Tätlichkeit. Aber eben: Da sei gar nichts gewesen.

Steckt Nachbarschaftsstreit dahinter?

Er geht noch weiter und sieht in der Geschichte den Ausfluss einer Nachbarschaftsfehde. Vanessa habe ja gesagt, Herr Huber habe sie mehrfach «zusammengeschissen», beim Spielen auf der Strasse zwischen den beiden Häusern. «Der Vorfall ist konstruiert», sagt der Verteidiger. Das Auto habe an dieser Stelle gar nicht so schnell fahren können, um einen Schaden anzurichten. Auch dass Vanessa trotz Schock sich habe die Nummer merken können, sie aber erst in der Schule auf einen Zettel geschrieben habe, den sie aber weggeworfen habe, sei nicht glaubwürdig und zeige, dass sie sich «die Geschichte zusammengeschustert» habe.

Dazu passe, dass Vanessa das Auto nicht gehört habe, weil Herr Huber ein Elektro-Auto fahre. «Ein Hybrid-Auto fährt die ersten Meter am Morgen nie im Strom-Modus», sagt er. Und zeitlich gebe es Widersprüche. Vanessas gab an der ersten Einvernahme eine Woche nach dem «Vorfall» an, er sei zwischen 8 Uhr und 8.05 Uhr passiert. Zu dieser Zeit sei Herr Huber bereits nicht mehr im Dorf gewesen: Google Maps beweise, dass er um 7.55 Uhr abgefahren sei. Kurz: Sein Mandant sei nach dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» freizusprechen. Also auch keine Busse, keine Strafe, keine Kosten.

Vanessa Anwalt repliziert kurz. Der Verteidiger unterstelle den Mädchen, ein Lügengebäude aufgestellt zu haben. Dabei seien deren Aussagen glaubwürdig, kein Kind schaue ständig auf die Uhr, die diesbezüglichen Abweichungen seien nicht entscheidend. Und dass da die Eltern dahinter steckten, weist er entschieden zurück.

Gerade da hakt aber der Verteidiger nochmals ein. Es handle sich offensichtlich um einen Nachbarschaftsstreit, und das Kind habe sich mit den Eltern solidarisiert.

Keine Führerflucht, keine Fantasiegeschichte

Gerichtspräsidentin Eva Lüscher spricht Herrn Huber vom Vorwurf der einfachen Körperverletzung und der Führerflucht frei. Schuldig gemacht hat er sich gemäss Urteil aber der mehrfachen groben Verkehrsregelverletzung: ungenügender Abstand gegenüber Kindern, ungenügende Aufmerksamkeit, Unvorsichtigkeit. In der Sache folgt sie den Aussagen Vanessas. «Eine freie Erfindung ist nicht anzunehmen», sagt sie, obwohl vermutlich zu Hause darüber geredet worden sei, was Unstimmigkeiten erkläre. Vanessa habe etwas gespürt am Ellbogen. Streifkollision. Ob auch Herr Huber etwas bemerkt hat? Daran gebe es ernsthafte Zweifel. Also keine Führerflucht. Fällig werden eine bedingte Geldstrafe von 3200 Franken (Antrag Staatsanwaltschaft 5700 Franken) bei einer Probezeit von zwei Jahren, 800 Franken Busse (Antrag Staatsanwaltschaft 1400 Franken) und die Verfahrenskosten inklusive Parteientschädigung für die Ankläger.