Leitartikel
Lenzburg hat eine Chance verspielt

Ruth Steiner
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Ein Déjà-vu für den Stadtrat: Die Rückweisung des Traktandums «Kantonsschule» durch die Ortsbürgergemeinde am Montagabend hat ihm zu den diversen politischen Niederlagen in diesem Jahr eine weitere hinzugefügt. Die Ortsbürgergemeinde hat an der Wintergmeind die Vision einer Mittelschule Lenzburg vorerst abgeschmettert. Mit einem Rückweisungsantrag wurde eine Detaildiskussion über den Antrag des Stadtrats im Vorhinein abgewürgt. Die Rückweisung, angeführt von ehemaligen Behördenmitgliedern, alt Stadtammann Rolf Bachmann und alt Stadtrat (und Antragsteller) Max Werder sowie alt Stadtschreiber Christoph Moser, grub eine alte Idee hervor und koppelte sie mit der allgemeinen Findungssituation der Lenzburger Ortsbürger: Die Ortsbürgergemeinde steht vor finanziell schwierigen Jahren, der Kies als zuverlässig sprudelnde Geldquelle ebbt ab, die weitere Zukunft ist ungewiss. Die Stossrichtung der Rückweisungsdebatte machte klar: Das als «Filetstück» und «Tafelsilber» zitierte Zeughaus-Areal soll der Ortsbürgergemeinde als Wohnschwerpunkt und finanzielle Milchkuh erhalten bleiben. Eine Mehrheit im Saal stützte den Antrag (66 Ja- zu 55 Nein-Stimmen, 7 Enthaltungen).

Weshalb das Zeughaus-Areal für 1500 Franken pro Quadratmeter an den Kanton verscherbeln, wenn für das benachbarte Artoz-Areal 2300 Franken pro Quadratmeter (dieser Betrag wurde an der Gemeindeversammlung geäussert) geboten werden? Weshalb dem Kanton eine Variante anbieten, ihm das Grundstück im Baurecht zu überlassen, wenn «Aarau» ganz klar auf Kaufkurs ist? Die Argumente sind nachvollziehbar.

Mit der Rückweisung verbunden sind verschiedene konkrete Anträge: die Prüfung einer Aufzonung des Zeughaus-­Areals mit Gestaltungsplanpflicht und eine Mittelflussrechnung der finanziellen Entwicklung aller Bereiche der Ortsbürgergemeinde. Zudem erwähnte Antragsteller Max Werder eine Testplanung für die bauliche Gestaltung des Zeughauses, erstellt im Jahr 2000, als es von der Armee an Lenzburg zurückfiel. Werder verlangte eine Prüfung der finanziellen Auswirkungen einer Überbauung durch die Ortsbürger als Investor aufgrund des damals durchgeführten Studienwettbewerbes mit einem oder zwei Drittel der Fläche bebaut und einem Drittel öffentliche Nutzung.

Etwas merkwürdig ist es allerdings schon, dass gerade jetzt mit dem Finger auf die zwei Jahrzehnte alte Studie gezeigt wird. Weshalb ist das nicht schon früher passiert? Zum Beispiel an der Sommergmeind im August, als der Stadtrat die Ortsbürger über die anstehenden Gespräche mit dem Kanton über eine mögliche Nutzung des Zeughaus-Areals als Kanti-Standort informierte? Weshalb wird jetzt ein Überdenken der Sache verlangt und nicht schon im Sommer, wo dafür noch Zeit vorhanden gewesen wäre? Oder auch anders gefragt: Weshalb ist die Studie zwei Jahrzehnte lang liegengeblieben und weshalb wurde die vor neunzehn Jahren als bestechend bezeichnete Vision eines grossflächigen Zeughausparks als neues öffentliches Zentrum im Westen Lenzburgs damals nicht weiterverfolgt? Immerhin sind zu dieser Zeit exakt jene Personen in Lenzburg am politischen Ruder gewesen, welche dem aktuellen Projekt nun mit grosser Skepsis begegnen. Es scheint, als habe sich deren Blickwinkel in der Zwischenzeit etwas verschoben: Als nämlich das Land im Jahr 2000 an die Ortsbürgergemeinde heimfiel, konnte sich der damalige Stadtammann Bachmann «die Bemerkung nicht verkneifen, dass auf dem voll erschlossenen Gelände an bester Lage in Lenzburg zwei Fachhochschulen Platz hätten», wie die AZ am 2. März 2000 schrieb.

Was hat das unglaublich rasche Kippen des Geschäfts am Montagabend überhaupt möglich gemacht? Der Stadtrat hat die Öffentlichkeit eindeutig zu wenig offensiv über das Projekt informiert. Es ist ihm nicht gelungen, in Lenzburg das Feuer für die Kanti-Sache zu entfachen. Ebenso gefehlt haben Interessengruppierungen, welche die Vision Kanti in der Bevölkerung mittrugen.

Mit dem Entscheid hat Lenzburg vorerst eine Chance vertan, das rasante Wachstum der vergangenen zwei Jahrzehnte (plus 43 Prozent) zu konsolidieren, gleichzeitig aber auch die Stadt weiterzuentwickeln. Im kantonalen Richtplan ist das Zeughaus-Areal im Westen Lenzburgs jetzt als Wohnschwerpunkt deklariert. Zusammen mit dem zum Verkauf stehenden Artoz-Areal wäre hier ein neues Wohnquartier in der Grössenordnung des «Im Lenz» möglich. Diese Entwicklung wäre für alle wachstumsmüden Lenzburgerinnen und Lenzburger wohl ein Argument für die Kantonsschule.

Ein unmittelbares Referendum ist nicht möglich. Es sei ein formeller und kein inhaltlicher Beschluss über die Vorlage «Kantonsschule» erfolgt, heisst es bei der Stadtverwaltung auf Anfrage. Der Stadtrat wird nun eine Lagebeurteilung vornehmen.