Lenzburg

Martin Killias sorgt sich um den Denkmalschutz in der Altstadt – zu Unrecht, finden Unternehmer

Urs F. Meier (l.) zeigt Martin Killias am Beispiel seiner rekonstruierten Laube, dass in Lenzburg nicht nur ausgehöhlt wird. Doch die Häuser müssten den heutigen Ansprüchen genügen, damit sie vermietet werden können, sagt er.

Urs F. Meier (l.) zeigt Martin Killias am Beispiel seiner rekonstruierten Laube, dass in Lenzburg nicht nur ausgehöhlt wird. Doch die Häuser müssten den heutigen Ansprüchen genügen, damit sie vermietet werden können, sagt er.

Mehrere Unternehmer ärgern sich über Strafrechtsprofessor Martin Killias’ Kritik zum Umgang mit historischen Bauten. Sie erklären, weshalb Killias' Vorstellungen von Denkmalschutz praxisfern sind.

Strafrechtsprofessor und SP-Einwohnerrat Martin Killias sorgt sich um die Entwicklung der Lenzburger Altstadt. Der Besitzer einer Liegenschaft in der Rathausgasse bemängelt, dass die historische Innenstadt zu sehr ausgehöhlt werde und verlangt schärfere Richtlinien für die Sanierung alter Häuser. Sein Engagement in dieser Sache wirft in Lenzburg hohe Wellen und hat mittlerweile gar ausserkantonale Aufmerksamkeit erlangt. Vor einigen Wochen hat sich der Tages-Anzeiger mit dem Thema beschäftigt.

Doch nicht alle Lenzburger teilen Killias’ Haltung in dieser Sache. Zu ihnen gehören Ruedi Baumann, dipl. Architekt ETH/SIA, und Unternehmer Urs F. Meier. Meier sagt, es gebe auch andere Beispiele, als die von Killias angeführten. Urs F. Meier hat seine Liegenschaft mit dem Wohnatelier beim KV-Schulhaus kürzlich teilsaniert und Martin Killias zu einem Augenschein vor Ort eingeladen (siehe Box unten).

Ruedi Baumann ist auf dem Platz Lenzburg seit 40 Jahren als Architekt tätig. Er ist verärgert über Killias’ Aktivismus und sagt: «Der Besitz einer einzigen kleinen Liegenschaft und der Umgang damit rechtfertigen noch lange keine derart überproportionale Missbilligung der Akteure auf dem Altstadt-Baumarkt.»

Substanzerhalt prüfen

Der Erhalt eines historischen Hauses sei nicht in jedem Fall sinnvoll, sagt Baumann. «Jeder Altstadtbau, egal ob privat oder öffentlich, hat eine eigene unverwechselbare Geschichte: Dem einen wird im Verlaufe der Jahre der nötige Unterhalt zuteil, dem andern nicht.» Wo das Geld fehle, werde der Erhalt der Häuser vernachlässigt. «Wo das Parterre und vielleicht noch der erste Stock als Ladenlokal rentieren, die Wohnungen darüber aber nicht, wird nicht mehr investiert.»

Im zwanzigsten Jahrhundert sei in Lenzburg praktisch kein Geld in den Substanzerhalt der historischen Nutzbauten investiert worden, weiss der Architekt. Als dann in den späten Achtziger- und Neunzigerjahren wieder eine Investitionswelle anrollte, habe man feststellen müssen, dass an vielen Orten sehr billig gebaut worden und viel Substanz bereits unwiederbringlich zerstört war.

Aus seiner langjährigen Erfahrung als Architekt hält Ruedi Baumann fest: «Wirtschaftlich gute und schlechte Zeiten finden ihren direkten Niederschlag im Gebäudeunterhalt. Geht es den Menschen gut, profitieren auch die Bauten davon – und umgekehrt.» Reiche das Geld hingegen nicht, dann werde gezwungenermassen verkauft. «Das Haus wird zum Handelsobjekt.»

In den Augen von Architekt Baumann wird es damit zu einem neuen Problemfall. Der Gestehungspreis sei in der Regel nämlich zu hoch und die nötigen Investitionen müssten bereits wieder dem Budgetziel geopfert werden, begründet er.

Auch was den Substanzerhalt im Innern des Gebäudes anbetrifft, hat Architekt Baumann eine klare Meinung: Historische Bausubstanz zu retten, mache nur Sinn, wenn dies konstruktiv möglich und wirtschaftlich vertretbar sei. «Wenn das nicht realisierbar ist, bleibt als Alternative nur das Museum.» Bauman geht noch weiter und fragt etwas provokativ: «Lenzburg als mittelländisches Ballenberg? Wie soll dies finanziert werden?»

Gleiche Spiesse für alle

Ebenso unverständlich ist es für den Architekten, dass bei den «Hüüsli-Besitzern», wie die Liegenschaftsbesitzer in der Altstadt im Volksmund genannt werden, plötzlich andere Massstäbe gelten sollen, als etwa bei der denkmalgeschützten Stadtmauer am Sandweg, wo jahrzehntelang um die Bebauung gerungen wurde. Für die schlussendlich entstandene Überbauung Sandweg-Eisengasse erhielt Lenzburg 2014 immerhin den Aargauer Heimatschutzpreis zugesprochen.

Architekt Ruedi Baumann findet, alle historischen Aargauer Kleinstädte hätten einen Kritiker wie Martin Killias, der zudem den Zürcher Heimatschutz präsidiert, verdient. Killias’ Wahl sei jedoch vor Jahren auf Lenzburg gefallen. Und mit Blick zurück in die Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts, als mit Fritz Stuber ein anderer Experte aus Zürich in der Lenzburger Stadtentwicklung Spuren hinterliess, bemerkt Ruedi Baumann leicht zynisch: «Es ist nicht das erste Mal, dass ein Zürcher die ungelenken Aargauer zu schulmeistern versucht.» Und wenn schon, dann solle Killias zuerst einmal alle Bauherren in die Pflicht nehmen und ihnen ins Gewissen reden.

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