Seit mehr als einem Jahr gibt es in Seon Streit wegen einer Treppe am Ufer des Aabachs. Ihr Bau wurde nie bewilligt und hätte es wohl auch nicht werden können: Sie steht in der Uferschutzzone des Bachs und somit auf Kantonsgrund. Hier darf nur in Ausnahmefällen gebaut werden.

Als Erbauer wird ein Anwohner verdächtigt. Dieser lebt seit drei Jahren auf dem Grundstück, zu welchem die Treppe hinauf führt. Der Gemeinderat Seon hatte ihn deshalb im Januar 2016 aufgefordert, die Treppe zu entfernen oder nachträglich ein Baugesuch einzureichen. Der Mann entschied sich für Letzteres. Er möchte die Treppe erhalten, denn seine Enkelkinder spielen gern am Bach. Die Treppe ist ein willkommener und vor allem sicherer Zugang.

Der Gemeinderat lehnte das Gesuch ab. Der Anwohner wurde mit 1000 Franken für den unbewilligten Bau gebüsst. Dagegen erhob er Beschwerde vor dem Bezirksgericht Lenzburg.

Aus Liebe zur Wahrheit

Vor Gericht sagte der pensionierte Immobilienfachmann, dass er sich ungerecht behandelt fühle. Denn an den Aabach angrenzend gibt es nach seiner Aussage noch vier weitere Treppen. Bei diesen verlange niemand, dass sie zerstört würden. Der Beschuldigte plädierte auf Gleichbehandlung. Zudem, so argumentierte er vor dem Bezirksgericht, sei in keiner Weise bewiesen, dass er die Treppe gebaut habe.

Gerichtspräsident Daniel Aeschbach fragte: Wer, wenn nicht er, hätte ein Interesse, an der betreffenden Stelle eine Treppe zu bauen? Er wisse es nicht, antwortete der Beschuldigte. Ob ihm vielleicht jemand den Treppenbau anhängen wolle? Nein, das glaube er nicht.

Aeschbach hakte nach: «Ich frage Sie noch einmal: Können Sie mir in die Augen schauen und sagen, dass Sie die Treppe nicht gebaut haben?» Der mutmassliche Treppenbauer schaute dem Gerichtspräsidenten fest in die Augen. Und schwieg. Dann senkte er den Blick. «Lassen Sie mich Ihnen dazu eine Geschichte erzählen», fing er ausweichend an, «ich habe vor Jahren, bei einem anderen Gerichtsverfahren, erlebt, wie ein Anwalt gelogen hat, bis sich die Balken biegen. Er ist damit durchgekommen.»

Stille im Raum. Daniel Aeschbach war diese Aussage Indiz genug. «Ich denke, Sie waren gerade ehrlich, ohne ehrlich sein zu wollen.» Der Beschuldigte zeigte Einsicht. «Ich ziehe die Beschwerde zurück. Meiner Frau zuliebe. Sie hat mir gesagt, ich solle vor Gericht nicht lügen.» Zur Busse von 1000 Franken Busse kommen jetzt noch die Verfahrenskosten – und der Rückbau der Treppe.