Achtzehn Hüte hat Emma Battiston (75) auf der Ofenbank in ihrer Stube in Meisterschwanden ausgebreitet. Ein weiteres Exemplar trägt sie auf dem Kopf. Die einen Hüte stammen aus der Brockenstube, die anderen aus Paris und wieder andere hat die 75-jährige Meisterschwandnerin an ihrer eigenen Hochzeit vor 37 Jahren getragen. «Die wollte ich schon lange schwarz einfärben», sagt sie. Der Hut: Das Accessoire, das an den Meitlitagen nicht fehlen darf.

Seit Donnerstag regiert im oberen Seetal wieder das «Wiibervolch». Sie setzten sich den Hut auf, warfen sich in Schale, nahmen den Grasbogen in die Hände und machten sich auf Männerjagd.

Wenn die Männer den Grasbogen aus dem Augenwinkel sahen, war es schon zu spät und sie waren gefangen.

Allein in Meisterschwanden sind um die 100 Frauen mit von der Partie. Emma Battiston ist mit ihren 75 Jahren eines der ältesten aktiven «Meitli». «Den Grasbogen berühre ich aber höchstens noch mit dem kleinen Finger», so Battiston. Das Tragen und Aufwerfen der Männer im Grasbogen sei ihr in den letzten Jahren zu anstrengend geworden. Aber beim Tanzen ist sie dabei. Es herrscht Damenwahl. Herren, die einem einen Korb erteilen? «Das gibt es nicht.» Dann müssten sie das Lokal verlassen. Tanzen sei nicht schwierig. «Wenn ein junger Mann meint, er könne es nicht, dann bringe ich es ihm bei», sagt die rüstige Rentnerin und zeigt just ein paar Tanzschritte vor.

Wie die Mutter, so die Tochter

Battiston ist in Meisterschwanden aufgewachsen. Als Tochter der Restaurant-Delphin-Wirte ist sie schon von Kindsbeinen an in Berührung mit den Meitlitagen gekommen. «Das war immer eine riesen Sache bei uns im Restaurant.» Mit 24 Jahren ist Emma Battiston nach Frankreich ausgewandert und hat von dort aus über Jahre hinweg als Flight Attendant gearbeitet. Den Bezug zu ihrer Heimat hat sie nie verloren. «Ich habe regelmässig meine Eltern im ‹Delphin› besucht.» Und auch für die Meitlitage sei sie, wann immer möglich, aus dem Ausland angereist. Nach rund 30 Jahren in Frankreich ist sie mit ihrem französischen Ehemann und ihren beiden Kindern dann definitiv nach Meisterschwanden zurückgekehrt. Als ihre Tochter Delphine alt genug war, wollte Battiston auch ihr den Meitli-Brauch näherbringen. «In der Pubertät fand sie das nicht sehr spannend», so Battiston. Aber irgendwann hat es die Tochter dann doch gepackt. Und heute ist sie die Präsidentin der Meitlisonntagsvereinigung.

Lohnt sich der Meitli-Donnstig für Beizen?

Mehrere Wochen bereiten sich Lokale auf die dreitägige Frauentradition vor. Ob sich das rentiert, bewerten die Restaurants unterschiedlich.

Pariser Spitze auf dem Estrich

Hüte und Roben, Röcke und Vestons. Am besten alles in Schwarz. Damit takeln sich die «Meitli» für ihre Machtübernahme auf. «Die Mode hat sich mit der Zeit verändert», sagt Battiston. Früher sei es nicht zwingend gewesen, sich in Schwarz zu kleiden oder überhaupt einen Rock zu tragen. «Heute muss es einfach nostalgisch sein.»

Von wo sie all ihre Kleider hat? «Das ist eine ganz lustige Geschichte.» Nachdem sie aus dem Ausland zurückgekehrt ist, besass sie keine Garderobe mehr für die Meitlitage. Sie klapperte zahlreiche Brockenstuben ab. Hat aber nichts gefunden. In einer Brocki in Wohlen klagte sie schliesslich einer alten Dame ihr Leid. Diese Frau hätte sich plötzlich daran erinnert, dass sie einen Überseekoffer voller Kleider von ihrer Tante, die um 1900 in Paris lebte, auf dem Estrich liegen habe. Kurz darauf sei Battiston bei dieser Dame auf den Dachboden gestiegen – in Erwartung, einen Haufen voller mottenzerfressener Kleider zu finden. «Ich habe den Koffer aufgemacht, und ein Duft Pariser Modewelt ist mir entgegengestiegen. Ich bin fast ausgeflippt.» Ein Grossteil ihrer Garderobe besteht noch heute aus diesen Fundstücken aus Pariser Spitze.

Emma Battiston hat alle Hände voll zu tun. Damit ihre Tochter während der Meitlitage Familie und Präsidium unter einen Hut bringt, hilft die Mutter mit, wo es geht. Sie kocht der Familie das Zmittag, hütet mit ihrem Ehemann die Enkeltochter und wirft sich dann gegen Abend selber in Schale. «Das Schönste ist, dass die Tradition aufrechterhalten bleibt», sagt sie. Schwierig seien nicht die fehlenden jungen Frauen, sondern die fehlenden Beizen. «Es gibt halt einfach immer weniger Lokale.» Dieses Jahr werden die Männer in Meisterschwanden im Restaurant Löwen, in der «Traube» und der Café Bar Speuzli gejagt. In Fahrwangen im «Da Luigi», in der «Multipizza» und der «Metzgerhalle». Bis Sonntag steht das «Mannevolch» unter Weiberherrschaft: «Schöni Meitlitäg.»

Das Detailprogramm für die Gemeinden unter: www.meitlisonntag.ch