Möriken-Wildegg

Mit Ganzkörperanzug und Maske: Wie 220 Spezialisten das Zementwerk revidieren

Eindrücklich: Ein Industriekletterer reinigt den Verdampfungskühler.

Eindrücklich: Ein Industriekletterer reinigt den Verdampfungskühler.

Die Revision eines Zementwerks ist aufwendig. Bei der Jura-Cement-Fabriken AG sind 220 Spezialisten einen ganzen Monat damit beschäftigt – dabei ist Teamwork gefragt.

Auf 75 Metern Höhe startet diese aussergewöhnliche Führung. Auf der Spitze des Wärmetauscherturms des Zementwerks in Wildegg. Der «kälteste Januar seit 30 Jahren» beweist hier seine Zudringlichkeit nachdrücklich. Aber das ist Jammern auf Höhenniveau. Der exklusive Einblick, der nun gewährt wird, weiss zu entschädigen.

Im Wärmetauscher wird das Rohmehl aus Kalk und Mergel, die aus den Steinbrüchen nach Wildegg transportiert werden, in einem komplexen chemischen Prozess kalziniert und für den Drehofen aufbereitet. Es herrschen darin Temperaturen zwischen 400 und 1050 Grad Celsius. Normalerweise. Nicht im Januar. Jeweils im ersten Monat des Jahres ruht der 24-Stunden-Betrieb zur Zementverarbeitung, damit der 24-Stunden-Betrieb für die Revisionsarbeiten vonstattengehen kann. Und in dieser Zeit ist es möglich, Einsicht in die «Innereien» des Zementwerks zu erhalten.

«220 Arbeiter sind an den Revisionsarbeiten beteiligt», sagt Andreas Graf. Der Leiter Infrastruktur bei der «jura cement» ist während der einmonatigen Revision für die Tätigkeiten der Feuerfestspezialisten verantwortlich und führt zwecks Illustration zu einer Öffnung im Wärmetauscherturm hin.

Der höhlenartige Anblick zeigt einen Arbeiter in Ganzkörperanzug und Maske, der feuerfesten Beton an die durch Hitze und Chemismus angegriffenen Innenwände des Turmes spritzt. «Der Arbeiter wird im Anzug durch gefilterte Luft versorgt», erklärt Andreas Graf. «Die Arbeitssicherheit hat höchste Priorität. Denn Arbeiten im Feuerfestbereich sind risikoreich, die Gassysteme sind eng und verwinkelt, Staub und Schmutz sind allgegenwärtig.»

12 000 Signale kommunizieren

Zwei Etagen tiefer, nun fast am Fuss des Wärmetauschers, schliessen zwei Arbeiter eine Luftkanone an den Turm an. Mittels Druckluft werden so Materialien im Turminneren gelöst.

Die meisten an der Revision beteiligten Fachkräfte stammen aus externen Firmen und Bauunternehmen. Dazu gehören die Feuerfestspezialisten, Maurer und Schaler, Industriekletterer, Gerüstbauer, Mechaniker, Schlosser, Schweisser, Getriebespezialisten Elektriker sowie ein Abbruchspezialist, der einen Roboter steuert.

Die betriebseigenen Zementwerkspezialisten begleiten und koordinieren das aufwendige Schaffen. Auch Heinz Riner. Er ist Leiter der mechanischen Werkstatt und führt zu der Mühle, in der das Rohmehl gewonnen wird. Gewaltig präsentieren sich die zwei Mahlkörper im weiten Raum. Jeder Mahlkörper hat ein Gewicht von 40 Tonnen.

Roger Hirt ist Leiter der elektrischen Werkstatt. In seiner Verantwortung liegt es, dass die insgesamt 12 000 Signal-Ein- und Ausgänge störungsfrei mit der Kommandozentrale kommunizieren und die vollautomatische Zementverarbeitung funktionieren kann.

Stolz auf eine gute Harmonie

«Fasst man zusammen, ist es das Ziel der Revision, dass die Zementproduktion in den kommenden elf Monaten ohne Unterbruch verläuft», sagt Andreas Graf. «Denn ein Unterbruch bedeutet einen kompletten Produktionsstopp und unter Umständen gefährliche Reparaturarbeiten.»

Für das vergangene Jahr weist das Wildegger Werk eine betriebliche Verfügbarkeit von 99,3 Prozent aus. Dies sei ein Vorzeigewert und nur dank ausgezeichneter Revisionsarbeiten möglich, sagt der Leiter Infrastruktur. «Voraussetzung dafür ist ein eingespieltes, erfahrenes und kollegiales Team. Man ist stark angewiesen aufeinander, Eigenbrötler mag es nicht leiden.» Auf die gute Harmonie ist man in Wildegg stolz.

Ein wenig an die Bilder vom Durchbruch am Gotthard Basistunnel erinnert der Blick ins Innere des 55 Meter langen Drehofens. Hier wird das kalzinierte Rohmehl ab kommendem Freitag bei bis zu 1450 Grad Celsius wieder zu Zementklinker gebrannt, der dann zu Zement vermahlen wird. Bis dahin müssen noch 35 Laufmeter der Ofenausmauerung mit einem Gewicht von 232 Tonnen von Hand ausgetauscht werden.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1