Othmarsingen

Nach 37 Jahren gibt die strenge «Pflug»-Wirtin die Zügel ab – die Tage des Gasthofs sind gezählt

Für ihre Stammgäste nimmt sich Vollblut-Wirtin Alexa Waeber immer Zeit für einen kurzen Schwatz.

Für ihre Stammgäste nimmt sich Vollblut-Wirtin Alexa Waeber immer Zeit für einen kurzen Schwatz.

Wirtin Alexa Waeber übergibt den «Pflug» an Nicole Löhnert. Das Ende des Landgasthofs ist absehbar. Das Areal soll überbaut werden.

«Grüezi mitenand.» Alexa Waeber (69) geht durch den grossen Saal, das kleinere Säli, begrüsst auch die Gäste in der ehemaligen Bauernstube, heute der Teil des Gasthofs, wo man rauchen darf. Wohl an die 150 Mittagessen werden an diesem Mittag serviert. Volles Haus. Das Publikum könnte unterschiedlicher nicht sein. Der Strassenarbeiter im Leuchtgwändli hat da ebenso Platz wie Kaderleute des Armeelogistikcenters oder Lastwagenchauffeure. Ein gutbürgerlicher Landgasthof eben. Und einer, der gut läuft obendrein. «Hoi, Lexi», ruft ihr manch einer zu, und für einen kurzen Schwatz nimmt sich die Wirtin immer Zeit.

Ende Jahr ist Schluss für die Vollblut-Gastgeberin. «Am 13. Mai 1957 haben meine Eltern den ‹Pflug› gekauft», sagt sie; nach 23 Jahren, 1980, übernahm Alexa Waeber den Betrieb. Eine lange Zeit. Eine gute Zeit. «Ich habe den ‹Pflug› gerne», sagt sie und erinnert sich ans Dorffest zum 50-Jahr-Jubiläum, als der Pfarrer den Wirt machte. Immerhin: Bis das Areal überbaut wird – die Wirtin rechnet mit mindestens 1,5 bis 2 Jahre –, gibt es den «Pflug» noch. Nicole Löhnert, seit drei Jahren im Betrieb, wird Geschäftsführerin für diese Zeit. «Es soll alles gleich bleiben», sagt sie und bleibt damit auf der Linie von Alexa Waeber, die ihre Kundschaft so umschreibt: «Junge, Alte, Arme, Reiche und Kurlige; wir haben alles.»

«Wir haben ganz tolle Leute», windet Alexa Waeber ihren Angestellten ein Kränzchen. Sie beschäftigt 16 Personen im Vollpensum. Da ist nicht nur der Restaurationsbetrieb. Der «Pflug» bietet auch Hotelzimmer an, 26 an der Zahl. Wer übernachtet denn in Othmarsingen? Kaum Touristen. «Monteure, Vertreter, Chauffeure, unter anderem jene der Firma Bertschi, die hier im Haus ihre Schulungen machen», sagt sie. Und für die Chauffeure, die in ihren Lastwagen übernachten, hat sie Duschen eingerichtet. «Sie können sie gratis benutzen, denn sie konsumieren auch hier», sagt die Chefin. Geben und nehmen.

Strenge Chefin

Sie müsse die Zügel schon in der Hand halten, sagt sie und bezeichnet sich als strenge Chefin. Klarheit, Konsequenz: Sie zieht ihr Ding durch und schenkt bei der Anstellung reinen Wein ein darüber, was eine Serviceangestellte erfüllen muss: anständig begrüssen, bedienen und verabschieden. Häufig kritisieren müsse sie nicht. «Oft reicht meine Anwesenheit», schmunzelt sie. Und sie gibt dieses Jahr auch etwas zurück an die Belegschaft: einen 14. Monatslohn nämlich.

Streitigkeiten unter Alkoholeinfluss, wenn ein Wort das andere gibt, hat sie jeweils mit Humor und gutem Zureden zu schlichten gewusst. Schlägereien habe es keine gegeben. Und hatte jemand zu viel getrunken, bemühte sie sich darum, dass er sicher nach Hause kommt.

Die Tage des «Pflugs» sind gezählt. Das Areal, zu dem der Landgasthof gehört, insgesamt rund 25'000 Quadratmeter, soll überbaut werden: rund 200 Wohnungen, Gewerbeflächen, Büros, Ladengeschäfte, Gemeindeverwaltung, Ärztehaus, Apothekenfiliale.

Der Rückbau der Anlagen des Fleischverarbeiters Centravo auf diesem Areal soll im Frühjahr 2019 beginnen. Bis dahin haben auch die Angestellten des Gasthofs, die alle da weiter arbeiten können, ihre Stelle gesichert. Die Priora AG hat das Areal inklusive «Pflug» gekauft. «Unser Betrieb ist in einem guten Zustand», sagt Alexa Waeber und verweist darauf, dass man vor kurzem noch die Fassade neu gestrichen hat.

Mittelfristig findet sie es schade um den «Pflug», der seine ersten Gäste bereits morgens um 5 Uhr begrüsst, und um 7 Uhr mehr Gäste habe als um 17 Uhr, denn 10 Jahre lang hätte man kaum investieren müssen. Doch auf lange Sicht sei der Entscheid wohl richtig.

Neue Freiheiten

Alexa Waeber hat keine grossen Zukunftspläne; noch hat sie viel zu tun bis Ende Jahr, steht jeden Morgen um 10 Uhr auf der Matte. Und Schluss sei in der Regel um 23 Uhr. Über Weihnachten und Neujahr sei sie, ursprünglich eine Walliserin namens Gischig, sowieso in den Ferien in ihrem Chalet im Wallis. «Dieses Jahr kann ich einfach dort bleiben, nicht mehr zurückkommen», lacht sie.

Sie werde die neuen Freiheiten schon schätzen, nicht mehr diese Verpflichtungen, auch als Arbeitgeberin: «Ich habe keine Angst um mich.» Ob sie dannzumal noch Salatsaucen machen wird? Kaum. Sie hat ja noch eine Einladung aus Australien. Und ihrem einzigen Hobby, dem «Schnöre», kann Alexa Waeber, die Gesellschaft mag, auch nach dem «Pflug»-Ende weiterfrönen.

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