Bezirksgericht Lenzburg

Nach Kollision in Seon: Autofahrer ist schuldig, obwohl er den Zug nicht gesehen haben will

Der Renault von Anil wurde bei der Kollision schwer beschädigt.

Der Renault von Anil wurde bei der Kollision schwer beschädigt.

Der Schuldige denkt, dass der Bahnübergang in Seon zu wenig gesichert ist. Das Bezirksgericht Lenzburg wollte den Unfallort selber unter die Lupe nehmen.

Am 31. Mai 2018 am frühen Nachmittag fuhr Anil durch Seon Richtung Schafisheim. Seine Frau Flora (alle Namen geändert) sass auf dem Beifahrersitz. Bei der Kreuzung Talstrasse wollte Anil links Richtung Altersheim abbiegen, übersah dabei jedoch den Zug, der nach Lenzburg fuhr. Der Zug erwischte das Auto frontal, sowohl am Zug als auch am Renault entstand ein Sachschaden, verletzt wurde niemand.

Der Vorfall ist nicht ungewöhnlich, in den vergangenen Jahren gab es einige Unfälle dieser Art. Der 31-Jährige, der aktuell auf Arbeitssuche ist, akzeptierte jedoch den Strafbefehl, der eine Busse von 600 Franken und eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 80 Franken vorsah, nicht.

Das Gericht entschied, dass es die Situation vor Ort begutachten möchte, und so kam es, dass sich Anil, seine Frau Flora, sein Anwalt, die Gerichtspräsidentin Eva Lüscher und die Gerichtsschreiberin um Viertel vor 9 Uhr morgens am Bahnübergang in Seon versammelten.

Die Verhandlung fand aufgrund des Regens unter dem Vordach einer Apotheke statt, untermalt von Weihnachtsmusik aus den Lautsprecherboxen eben dieser Apotheke.
Man beobachtete die einfahrenden Züge, jenen aus Lenzburg und den aus Luzern. Nach einem kurzen Halt fahren sie nacheinander weiter.

40 Sekunden, bevor der Zug nach Lenzburg tatsächlich abfährt, beginnt die Anlage zu leuchten und läuten. Der Abbieger Richtung Altersheim ist nicht durch eine Schranke gesichert. Anil schilderte vor Ort den Verlauf des Unglücks. Er habe gewartet, dass er Vortritt erhalte, um abbiegen zu können. Auf der Gegenseite habe es Stau gegeben.

«Ein anderer Autofahrer hat mir per Handzeichen Vortritt gegeben, ich bin langsam abgebogen, wegen des Staus habe ich den Zug nicht gesehen.» Die Gerichtspräsidentin wollte von Anil wissen, ob er unkonzentriert gewesen sei? «Nein, meine Frau und ich waren ganz ruhig und konzentriert. Wir hatten auch keinen Termin.»

Anils Frau Flora bestätigte die Aussage ihres Mannes. Sie hätten zudem noch am Tag des Unfalls ein Video gemacht, das zeige, dass zwischen dem Start des Lichtsignals und der Abfahrt des Zuges nur 13 Sekunden vergehen. «Wir konnten nicht glauben, dass uns das passiert ist», sagte sie.

Anils Anwalt wollte von Flora wissen, ob sie oder ihr Mann zum Zeitpunkt des Unfalles abgelenkt waren? «Nein, wir waren beide konzentriert. Auch ich habe den Zug und das Lichtsignal nicht gesehen.» Das Lichtsignal leuchte heute ihrer Meinung nach aber stärker und auch länger als 13 Sekunden. Der Augenschein vor Ort bestätigte die Aussage von Flora.

Stau und Abbiegevorgang führten zu besonderer Konstellation

Anils Anwalt plädierte für einen Freispruch. Die Staatsanwaltschaft habe ausschliesslich aufgrund des Polizeiberichts einen Strafbefehl erlassen und den Beschuldigten wegen Nichtbeachtens von Signalen im Sinne einer groben Verkehrsverletzung und wegen mangelnder Aufmerksamkeit bestraft.

Die Staatsanwaltschaft habe weder Beweise abgenommen, noch Anil oder Flora befragt. Dieses Vorgehen sei nicht zulässig. Zudem sei die betreffende Kreuzung für Linksabbieger mangelhaft signalisiert.

«Dies ergibt sich auch aufgrund der dokumentierten regelmässigen Vorfälle mit ähnlichem Ablauf», so der Anwalt. Hinzu komme die besondere Konstellation im konkreten Fall: Anil spurte links ein und wartete auf eine Lücke zum Abbiegen, auf der Gegenseite hatte sich eine lange Kolone gebildet. «Seine Aufmerksamkeit musste sich zwangsläufig und richtigerweise auf den Gegenverkehr richten», argumentierte der Verteidiger.

Als sich eine Lücke öffnete und der betreffende Autofahrer Anil per Handzeichen zum Losfahren aufforderte, habe sich seine ganze Aufmerksamkeit auf den Autofahrer gegenüber und das Abbiegen gerichtet. Unter diesen Umständen habe er den von hinten beziehungsweise von links herannahenden Zug selbst bei der objektiven Sorgfalt nicht erkennen können.

Die Urteilsverkündung fand im warmen Gerichtssaal in Lenzburg statt, fernab von Regen und der Weihnachtsmusik der Apotheke. Eva Lüscher sprach Anil des Nichtbeachten eines Signals im Sinne einer einfachen Verkehrsverletzung schuldig.

Sie reduzierte die Busse um 200 Franken. Zusätzlich muss Anil jedoch die Verfahrenskosten und die Anklagegebühr von 900 Franken zahlen. Man komme um einen Schuldspruch nicht herum, da es eine Kollision gegeben habe, so die Gerichtspräsidentin.

«Sie wussten, dass es an dieser Stelle einen Bahnübergang gab, und hätten sich nicht auf das Winken des anderen Autofahrers verlassen dürfen.» Es sei aber verständlich, dass er dies getan habe.

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