«Lenzburg Persönlich»

Polizist: «Auch der Täter von Rupperswil kam nicht als Mörder zur Welt»

Iniga Affentranger, Tinu Niederhauser und Ferdinand Bürgi im Gespräch.

Iniga Affentranger, Tinu Niederhauser und Ferdinand Bürgi im Gespräch.

Zwischen einer Klosterschwester und einem Polizisten gibt es viele Parallelen. Das erfuhren die Gäste bei der neusten Ausgabe von «Lenzburg Persönlich».

Als Hüterin der göttlichen und Hüter der weltlichen Ordnung wurden sie im Lenzburger Müllerhaus vorgestellt. Schwester Iniga Affentranger (74) arbeitete 13 Jahre lang als Seelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Ferdinand Bürgi (58) ist der Leiter der Regionalpolizei Lenzburg. Und wie die Gesprächsveranstaltung «Lenzburg Persönlich» am Sonntagvormittag im Gartensaal des Müllerhauses zeigte, bestehen zwischen der Tätigkeit einer Klosterschwester als Gefängnisseelsorgerin und dem Beruf eines Polizisten einige Gemeinsamkeiten.

Da sind zum Beispiel und am augenscheinlichsten die äusserlichen Parallelen. Beide tragen sie eine Uniform. Bei Schwester Iniga Affentranger ist es die Ordenstracht. Bei Ferdinand Bürgi die Polizeiuniform. Iniga Affentranger sagte, ihre Uniformierung sei im Gefängnis sicher von Vorteil gewesen. «Alle haben immer gleich gewusst, wer ich bin.» Jedoch lag ihr auch daran, festzuhalten: «Die Uniform alleine hat noch nichts zu bedeuten. Es kommt immer darauf an, wer darin steckt.» Verständlich war es vor dem Hintergrund der Aktualität des Falles und der Tätigkeit der beiden Gesprächsteilnehmer, dass am Sonntagvormittag auch der letztwöchige Mordprozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg zum Thema wurde.

«Es ist furchtbar traurig, eine Katastrophe, was in Rupperswil passiert ist», sagte Iniga Affentranger. «Aber ich kann über den Täter nicht urteilen.»

Sie erinnerte sich an den ersten Gefangenen, mit dem sie als Seelsorgerin sprach. Auch bei diesem Gefangenen hatte es sich um einen Mörder gehandelt. «Für einen Moment hat mir das auf den Magen geschlagen. Aber das war das erste und letzte Mal.» Es sei entscheidend gewesen für ihre Arbeit, dass sie Tat und Menschen auseinandergehalten habe. «Man darf über die Tat den Menschen nicht vergessen.»

Ferdinand Bürgi seinerseits mahnte an, dass im öffentlichen Gespräch über den Täter die Opfer nicht vergessen gehen dürfen. Ausserdem sagte er, dass auch der Täter von Rupperswil nicht als Mörder zur Welt gekommen sei. «Ich stelle mir die Frage, was in seinem Leben passiert ist.» Diese Fragen zu stellen, sei wichtig, so Ferdinand Bürgi, um vielleicht die Tat besser einordnen zu können.

Trotz seinem oft ernsten und tiefsinnigen Gehalt schaffte es Gesprächsleiter Tinu Niederhauser wiederholt, dem Gespräch im Müllerhaus auch heitere Noten zu entlocken. So bestätigte Ferdinand Bürgi etwa, dass er beim «Räuber und Poli» spielen in der Kindheit tatsächlich lieber Polizist war. Die Vorsehung seiner Berufswahl sei aber bereits in seinem Vornamen angelegt, der etymologisch auf «kühner Beschützer» zurückgeführt werden könne.
Und um noch einmal auf die Parallelen zwischen Polizist und Klosterschwester zu sprechen zu kommen: Iniga Affentranger und Ferdinand Bürgi glauben beide aus tiefem Herzen an das Gute im Menschen.

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