Lenzburg

Prachtsweib Lulu, die Libido und die Liebe

Cornelia Bernoulli und Bruno Hetzendorfer verweben Werk und Leben Wedekinds

Cornelia Bernoulli und Bruno Hetzendorfer verweben Werk und Leben Wedekinds

Frank Wedekind und die Frauen – das Müllerhaus zeigte zum 150. Geburtstag des Bonvivant eine szenisch-musikalische Lesung.

Drei Jahre ist es her, dass ein Zürcher Gymnasiallehrer vom Vorwurf eines zu stark sexualisierten Unterrichts freigesprochen wurde. Er hatte mit seinen Schülern unter anderem das Drama «Frühlings Erwachen» gelesen.

Mit dieser juristischen Episode führte Bettina Spoerri, Leiterin des Aargauer Literaturhauses Lenzburg, vorgestern Mittwoch in die Lesung zum 150. Geburtstag des Schriftstellers Frank Wedekind im Müllerhaus ein und machte auf das immer noch vorhandene Sprengstoffpotenzial von Wedekinds Texten aufmerksam.

Ein Peitschenknall kündigte sodann die szenisch-musikalische Inszenierung der aus Basel stammenden Schauspielerin Cornelia Bernoulli und des Sängers und Regisseurs Bruno Hetzendorfer an. In einer rasanten Text-Collage mit musikalischen Einlagen gelang es ihnen spannungsreich und humorvoll, Werk und Leben Frank Wedekinds zu verweben.

Schaffens- und Empörungstrieb

Einen wichtigen Platz auf der Bühne im Müllerhaus nahmen die verschiedenen Frauen und Frauenfiguren aus dem Leben und den Texten des Schriftstellers ein. Allen voran kam Lulu aus dem Drama «Erdgeist» zu Wort, die nach Wedekinds eigenen Worten die schrankenlose Entfaltung der Weiblichkeit verkörpert.

Frank Wedekind selbst charakterisierte Lulu so: «In meiner Lulu suchte ich ein Prachtexemplar von Weib zu zeichnen, wie es entsteht, wenn ein von der Natur reich begabtes Geschöpf, sei es auch aus der Hefe entsprungen, in einer Umgebung von Männern, denen es an Mutterwitz weit überlegen ist, zu schrankenloser Entfaltung gelangt.»

Die zeitgenössische Presse allerdings reagierte mit weniger Begeisterung. «Nichts bleibt uns erspart», konstatierte die Tageszeitung «Münchner Neueste Nachrichten».

Ausgehend vom Konfliktpotenzial, das Frank Wedekind mit seinen Lust- und Liebesoffenbarungen entfachte, machten Bernoulli und Hetzendorfer auf die dramatische Dialektik von Schaffens- und Empörungstrieb aufmerksam, welche den Schriftsteller und die bürgerliche Gesellschaft am Übergang des 19. und 20. Jahrhunderts in einen Austausch zwang. Die zahlreichen Zuschauer im Müllerhaus konnten nachempfinden, wie genussvoll Wedekind die Doppelmoral seiner Zeit offenbarte.

Lesung für Kenner und Laien

Auf heitere Weise liess die Lesung auch an der Rezeptionsgeschichte von Wedekinds Werken teilhaben und konnte so Licht auf eine weitere Facette seiner Anziehungskraft werfen. Schliesslich, der entrüsteten Kritik und den Sittenwächtern zum Trotz, setzte sich Frank Wedekind beim Publikum durch.

«Mein Anspruch ist es, die Zuschauer auf unterhaltsame Weise in eine vergangene Zeit zu führen», erklärte Cornelia Bernoulli im Anschluss an die von ihr konzipierte Lesung, die vom Literaturhaus und von Museum Aargau präsentiert wurde.

Eine grosse Stärke der Inszenierung vom Mittwochabend war insbesondere das Angebot zahlreicher Zugänge zum Werk Wedekinds. Kenner und Laien wurden gleichermassen angesprochen und durften sich vom Wortwirbel mitreissen lassen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1