Lenzburg

«Ruhe, sonst kommt der Schwarzenbach»

Concetto Vecchio verliess Lenzburg mit 14 Jahren. Jetzt kommt der italienische Schriftsteller mit einem persönlichen Buch zurück.

Concetto Vecchios Schweizerdeutsch ist nicht anzuhören, dass er mit 14 Jahren die Schweiz verliess und seither in Italien lebt. Als Sohn italienischer Migranten ist Concetto Vecchio (49) in Aarau geboren, in Staufen aufgewachsen und hat in Lenzburg die Bezirksschule besucht.

Als er ein Teenager war, zog die Familie zurück nach Italien. Concetto Vecchio schrieb seine ersten Artikel als Jugendlicher für den «Lenzburger Bezirksanzeiger», heute arbeitet er als Politikjournalist bei der Zeitung «La Republicca».

In seinem Buch «Cacciateli!» – Werft sie raus! – beschreibt er die Geschichte der italienischen Emigration in die Schweiz. Es ist eine halb autobiografische und halb historische Geschichte.

Ihr Dialekt klingt, als seien Sie nie weggewesen.

Concetto Vecchio: Danke. Vor zwei Jahren war ich nach vielen Jahren wieder in der Schweiz und habe gemerkt, dass meine Sprache eine ganz alte ist. Das Schweizerdeutsch, das ich gehört habe, war voll mit ausländischen Ausdrücken. Als ich in der Bez war, hat niemand so geredet.

Wie war es als Kind italienischer Eltern in der Bez?

In der Bez waren wir drei oder vier Italiener, ein Türke und eine Jugoslawin. Ich war also nicht allein. Aber dass ich nach der fünften Klasse als Ausländerkind, in einem Block aufgewachsen, ohne Examen in die Bez konnte, war für mich speziell.

Waren Ihre Eltern stolz?

Das machte ihnen Eindruck. Meine Mutter war Arbeiterin in der Zeiler Fabrik im Lenzhard, mein Vater war Möbelmacher bei der «Thut» in Möriken. Er hat in seinen 23 Jahren in der Schweiz kein einziges Wort Deutsch gelernt und hatte grosses Heimweh.

Für meine Mutter war es anders. Frauen waren generell glücklicher in der Schweiz. Sie waren freier als in Italien, konnten arbeiten und sich mehr entfalten.

Und Sie, waren Sie glücklich in der Schweiz?

Sehr. Die Schweiz war meine Heimat.

Wurden Sie in der Schule gehänselt, weil Sie Ausländer waren?

Nein. Damals war das Wort Tschingg oder gar Soutschingg allerdings viel präsenter und fiel vor allem in der Primarschule schon mal. Die 70er-Jahre waren eine andere Zeit. Heute ist die Schweiz ein offeneres Land.

Heute gibt es in Zürich eine Restaurantkette, die Tschingg heisst.

Ecco, das perfekte Beispiel für den Wandel.

Wie sind Sie nach über 30 Jahren in Italien dazu gekommen, ein Buch über die italienische Emigration zu schreiben?

Bei meinem Besuch in der Schweiz vor zwei Jahren sass ich auf dem Sechseläutenplatz und trank ein Rivella – das erste seit dreissig Jahren – und hörte, wie eine Mutter mit ihrem Kind auf Italienisch geflüstert hat.

Da ist mir plötzlich meine Mutter in den Sinn gekommen. Sie hat mich jeweils vom Kindergarten in der Missione Cattolica nach Hause gebracht.

Unterwegs haben wir mit Plakaten lesen geübt. Wenn ich etwas verstand und jubelte, gab es strenge Blicke von alten Leuten. Meine Mutter sagte dann zu mir: «Ruhe, sonst kommt der Schwarzenbach.»

Mit der Erinnerung an die Erfahrung Ihrer Eltern wurden Ihnen die Parallelen zur heutigen Situation in Italien bewusst.

Bei meinen Recherchen sah ich eine Rede von James Schwarzenbach vor seiner Initiative. Er sagte, man müsse aufhören, über die Ausländer zu reden, zuerst kämen unsere Arbeiter. Da dachte ich: Der redet gleich wie Salvini.

Die italienischen Zeitungen waren damals entsetzt über die Schwarzenbach-Initiative. Heute ist die italienische Emigration eine Erfolgsgeschichte. Aber die Geschichten, die ich durch meine Recherchen erfahren habe, erinnern mich unglaublich an die heutige Ausländerfeindlichkeit in Italien.

Über die aktuelle Situation in Italien schreibe ich nicht. Aber ich muss auch gar nicht, so ist es umso stärker. Das Buch kann auf verschiedene Arten gelesen werden.

Wie wurde Ihr Buch in der Schweiz aufgenommen?

Ich erhielt sehr viele Reaktionen. Ich hatte mit älteren Leuten gerechnet, aber es waren auch viele aus meiner Generation, die sich bei mir meldeten. Mein Buch war für sie ein Fenster zu einer unbekannten Vergangenheit. Das zeigt mir, dass es gut war, das Buch zu schreiben. Es beantwortet die Fragen, die aufkommen, wenn man vergisst.

Sie haben als Jugendlicher aber in der Schweiz Ihren Platz gefunden?

Ja. Ich war ein typischer Secondo, hatte Schweizer Freunde und italienische Freunde. Ich spielte Fussball beim FC Lenzburg und war ein grosser Fan des FC Aarau. Doch für meine Eltern war die Schweiz eine geschlossene Gesellschaft.

Man verstand sich nicht, die kulturellen Distanzen waren enorm. Meine Eltern lebten in einer Parallelgesellschaft und pflegten nur italienische Bekanntschaften. Man muss sich vorstellen; das waren die ärmsten Leute aus Italien, die zum Arbeiten in die Schweiz kamen.

Ich hatte keine Ahnung, welchem Hass die Migranten in der Schweiz begegnet sind. Ich wollte schreiben, wie es ist, als Ausländer in ein Land zu kommen, wo man in Baracken leben muss oder seine Kinder in der Heimat zurücklassen musste.

Und trotzdem hat Ihre Mutter Ihnen gesagt, sie sollen die Schweiz nicht schlechtschreiben.

Viele Migranten reden nicht gern über das Schlechte, sie blenden es aus. Die Schweiz hat meinen Eltern und mir vieles ermöglicht. Und trotzdem war es eine harte Welt. Ich sehe es als meine Aufgabe als Journalist und Schriftsteller, dafür zu sorgen, dass nichts vergessen wird.

Sie schreiben gegen das Vergessen. Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Lenzburg denken?

Das Bezschulhaus ist noch sehr präsent; die Glace beim «Berner» in der Rathausgasse, das Jugendfest. Und natürlich der FC Lenzburg. Das Mannschaftsfoto von den C Junioren 1984-85 mit allen Unterschriften hängt noch heute in meinem Zimmer in Sizilien.

Als meine Eltern zurück nach Italien gingen, war ich 14 Jahre alt. Im dümmsten Alter. Die Fahrt mit dem Zug dauerte 27 Stunden, die kulturelle Distanz waren enorm. Damals gab es kein Internet, kein Whatsapp, kein Satelliten-TV und keine Billigflüge.

Ich erfuhr zwei Tage später, dank der Gazzetta dello Sport, dass Aarau Cupsieger geworden war. Ich tat mich sehr schwer mit dem Umzug. Aber ich bin meinem Vater dankbar, weil ich so herausfand, was ich bin. Ich bin Italiener.

Wie manifestiert sich das?

Meine Sprache ist Italienisch, meine Art, das Leben anzuschauen. Ich fühle mich kulturell in Italien zu Hause, die Erziehung von meinen Eltern hat sehr viel ausgemacht.

Machen Sie ein Beispiel.

(muss ein wenig überlegen) Als ich meinen Freunden und Bekannten in der Schweiz Ende Juni gesagt habe, dass ich am nächsten Wochenende in die Schweiz komme, wollten alle bereits eine genaue Uhrzeit wissen. In Italien würde niemand so etwas fragen.

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