Die SAR sei ein Zombie gewesen, eine halbtote Firma. So beschreibt am zweiten Prozesstag der Anwalt der Leasinggesellschaft Fidis Riccardo Santoros letzte Versuche, seine Firma SAR Premium Cars zu retten. «Ich glaube nicht, dass er von Anfang an kriminelle Absichten hatte», er habe aber bewusst Straftaten begangen, um ab einem bestimmten Zeitpunkt die Liquidität seiner Firma zu gewährleisten.

Santoro muss sich unter anderem wegen Misswirtschaft, gewerbsmässigen Betrugs und Urkundenfälschung verantworten. Der ehemalige Luxusautoverkäufer schloss bis im Jahr 2011 über die Fidis Leasingverträge ab. Auf eigene Faust soll er mit den Kunden Zusatzvereinbarungen getroffen und mit diesen sogenannten VIP-Klauseln seine Firma SAR in ein wirtschaftliches Desaster gezogen haben.

So gewährte er den Kunden eine höhere Kilometerleistung, als im Leasingvertrag mit der Fidis festgelegt, und er bot den Kunden an, die Autos früher zurückzugeben. Wegen dieser VIP-Leistungen hätten die Autos erheblich an Wert verloren und Santoro habe grobe Verluste verursacht, so der Firmenanwalt.

Gefälschte Formulare

Santoro habe laut Anwalt der Fidis bereits Mitte 2010 gewusst, dass seine Firma zahlungsunfähig gewesen sei. «Statt den Konkurs anzumelden, hat er die Bilanzen gefälscht und wie ein Besessener weitergemacht.» Spätestens ab diesem Zeitpunkt habe er grobfahrlässig gehandelt und die Fidis betrogen.

Laut Anklage hat Riccardo Santoro 49 Fahrzeuge früher als im Leasingvertrag vereinbart zurückgenommen, die Leasingfirma nicht darüber informiert und dank Fälschung der Formulare weiterverkauft. Der «Märchenerzähler aus Dintikon», wie Schlegel Santoro nennt, habe während der Befragungen behauptet, ihm sei durch die Fidis nie mitgeteilt worden, dass er frühzeitige Rücknahmen von Leasingautos hätte melden müssen. Dies sei eine Lüge.

Die von ihm vertretene Leasinggesellschaft hätte Santoros Geschäfte unmöglich durchschauen können, sagt der Anwalt: «Santoro hat für alle auftauchenden Probleme eine Erklärung gehabt.»

Ob die Fidis von diesem Geschäftsmodell wusste oder nicht, sei strafrechtlich nicht relevant, denn Santoro sei Geschäftsführer und somit verantwortlich gewesen. Das VIP-Leasing sei kein gemeinsames Geschäftsmodell von Fidis und SAR gewesen. Der Schaden belaufe sich auf 12,6 Millionen Franken.

Die Deliktsumme von Santoro liegt bei über 17 Millionen Franken

Die Deliktsumme von Santoro liegt bei über 17 Millionen Franken

Die Pleite von SAR Premium Cars von Riccardo Santoro ist einer der grössten Fälle in der Wirtschaftskriminalität. Heute stand der Luxusautohändler zum ersten Mal vor Gericht.

Freispruch verlangt

Santoro wirkt im Bezirksgericht Lenzburg müder und angeschlagener als am ersten Prozesstag. Sein Verteidiger erhebt gleich zu Beginn seines 133-seitigen Plädoyers schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft. Dass die Leasingfirma nichts von den Sonderkonditionen gewusst haben will, sei unmöglich, sagt er: «Die SAR und die Fidis haben das Leasingmodell gemeinsam gegründet», so Bosshard. Die Staatsanwaltschaft habe die Darstellung der Fidis unkritisch übernommen und sich vom Vertreter der Leasingfirma beeinflussen lassen.

Die Funktionäre der Fidis hätten sich im Erfolg, den Santoro brachte, gesonnt. Die Chefetage von Fidis habe sich über die jahrelang regelmässig eingehenden Leasingraten gefreut: «Es herrschte Goldgräberstimmung», sagt Santoros Verteidiger. Der Umgang zwischen Santoro und den damaligen Geschäftsführer der Fidis sei locker gewesen, viele Informationen seien mündlich ausgetauscht worden.

Ende April 2011 hätten sich die Verantwortlichen der Fidis dann von Santoro abgewendet. «Dies, weil sich abzeichnete, dass er keinen Kredit mehr erhalten würde, da brach bei der Fidis Panik aus», so sein Anwalt. Er fordert einen vollumfänglichen Freispruch.

Lesen Sie hier den Liveticker nach

Santoro-Prozess: «Die Sache verhält sich anders, als der Angeklagte heute weismachen wollte»

Santoro-Prozess: «Die Sache verhält sich anders, als der Angeklagte heute weismachen wollte»

Im Prozess um Betrug, Misswirtschaft und weitere Delikte im Zusammenhang mit Auto-Leasinggeschäften hat Riccardo Santoro am Montag vor dem Bezirksgericht Lenzburg jede Schuld von sich gewiesen. Geschädigtenvertreter Stephan Schlegel ist da ganz anderer Meinung.

Dicke Post: Die Anklageschrift gegen Santoro misst ausgelegt über 100 Meter

Dicke Post: Die Anklageschrift gegen Santoro misst ausgelegt über 100 Meter

Tele M1 und AZ-Ressortleiter Urs Helbling verfolgen die in A4-Seiten ausgelegt über 100 Meter lange kriminelle Laufbahn.