Möriken

«Schräge Vögel gefallen mir besser»: Komponist Jack Säuberli über seine steile Musikkarriere

Jack Säuberli zu Hause in seinem Home-Studio in Vitznau.

Jack Säuberli zu Hause in seinem Home-Studio in Vitznau.

Der Komponist Jack Säuberli (69) erhielt seine erste Gage dafür, dass er mit dem Musizieren aufhört. Heute feiert er mit dem Jodlerklub Wiesenberg und ihrem Hit-Song «Land ob de Wolke» einen riesigen Erfolg.

«Es Gebät... eifach nume scheen» – «Hüehnerhuut puur» – «Öppis schöners han I nia ghört».
Die Online-Kommentare sprechen eine eindeutige Sprache. Das Lied «Land ob de Wolke» des Jodlerklubs Wiesenberg weckt intensive Gefühle. Auf Youtube wurden die Videos zum Lied bis heute fast eine Million mal angeschaut. Das gleichnamige Album war auf Platz 1 der Schweizer Musik-Charts.

Und vor einer Weile durfte der bekannteste Jodlerklub der Schweiz eine Gold- und Platin-Auszeichnung für insgesamt 20'000 verkaufte Tonträger entgegennehmen.
Mitverantwortlich für diesen beeindruckenden Erfolg ist Jack Säuberli. Der in Vitznau (LU) wohnhafte Komponist, Musiker und Illustrator hat Melodie und Text zu «Land ob de Wolke» verfasst und den Jodlern vom Wiesenberg damit einen Hit auf die trachtentragenden Klangkörper geschneidert.

«The Pinguins» 1967 im Rupperswiler Bären (v. l.): Peter Falcinelli, Frank Keller, Jack Säuberli, Ulrich Wild, Kurt Dietiker, Hansrudolf Wild, Kurt Baldinger, Peter Baldinger.  (ZVG)

«The Pinguins» 1967 im Rupperswiler Bären (v. l.): Peter Falcinelli, Frank Keller, Jack Säuberli, Ulrich Wild, Kurt Dietiker, Hansrudolf Wild, Kurt Baldinger, Peter Baldinger. (ZVG)

Aufregend und gespickt mit witzigen bis absurden Anekdoten gestaltete sich der Werdegang des Komponisten. Seine musikalische Emanzipation erzählt vom Erwachsenwerden eines eigenwilligen und unbeirrbaren Jungen in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Aufgewachsen im Steinler zu Möriken, kam Jakob «Jack» Säuberli früh mit der Volksmusik in Berührung.

Der Vater, Jakob senior, war Mitglied im örtlichen Männerchor und beliebt im Dorf, weil er, wie sich Jack Säuberli erinnert, stets ein Liedchen auf den Lippen trug und pfeifend durch die Dorfstrassen flanierte. «Mein Vater war ein musikalisches Naturtalent. Er kannte alle Operettenlieder und Jodelgesänge auswendig. Woher, weiss ich auch nicht», sagt Jack Säuberli. Onkel Willi war Gründungsmitglied des Jodlerklubs Schlossbrünneli. «Von ihm habe ich meine erste Gage erhalten, nachdem ich auf dem Klavier vorgespielt hatte. Fünf Franken damit ich aufhörte und die Erwachsenen Jassen konnten.»

Zum Klavierspielen kam Jack Säuberli nicht ganz freiwillig. Der ältere Bruder spielte Geige, der mittlere Saxofon, also blieb für den jüngsten, Jakob, noch das Klavier. Schliesslich stand eines in der Wohnung und das musste amortisiert werden. Der Klavierunterricht bei der damaligen Dirigentin der Trachtengruppe Möriken-Wildegg verleidete Jack Säuberli allerdings schnell. «Immer musste ich Trachtenchorlieder spielen». Gegen den anfänglichen Widerstand des Vaters konnte er durchsetzen, nach Aarau in den Unterricht gehen zu dürfen. Hier kam er in die musikalische Obhut der Konzertpianistin Janina Radovic.

So begann allmählich die Loslösung vom volkstümlichen Liedgut. «Als Teenager wurde mir das alles einfach zu viel. Man will in diesem Alter auch seinen eigenen Weg gehen.»

Keine musikalische Karriere

Ein Auge geworfen hatte er indes auf das Saxofon seines Bruders. Der verbot ihm allerdings, es auch nur anzurühren. So musste Jack Säuberli das Instrument entwenden, wenn der Bruder jeweils ausser Haus war. «Ich übte oft stundenlang und brachte mir das Saxofonspiel autodidaktisch bei.» In den Nächten lauschte Säuberli derweil im Radio dem Südwest-Tanzorchester und dem Jazzorchester von Kurt Edelhagen. Er wurde mit dem Jazz-Fieber infiziert.

Mit 15 Jahren wurde Jack Säuberli dann selbst Mitglied eines achtköpfigen Tanzorchesters. «The Pinguins» waren das jüngste Ensemble im Kanton und wurden oft für Auftritte gebucht. Bereits nach drei Monaten war Säuberli Bandleader und da er wiederum musikalisch neue Wege einschlagen wollte, musste er die Stücke, die er im Radio gehört hatte und spielen wollte, für sein Orchester selbst arrangieren.

Erneut verliess sich Jack Säuberli dabei ganz auf seinen Instinkt. Wie das Saxofonspiel brachte er sich das Arrangieren von Noten selbst bei.
Dass er eine Karriere als Musiker einschlagen würde, das kam für den Vater allerdings nicht infrage. «Köbi, wir haben keine Künstler in der Familie», habe er jeweils gesagt. Also machte Säuberli bei Ringier in Zofingen eine Lehre als Lithograf. Daneben besuchte er ab 1963 die erste Jazzschule in Zürich und erhielt Privatunterricht beim legendären Jazzsaxofonisten Harry Pfister.

Als «Landtubeli» keine Ahnung

Herrlich komisch ist die Geschichte von Jack Säuberlis erstem Besuch in Zürich. Als «Landtubeli» habe er keine Ahnung gehabt, wie man mit dem Tram fahre. «Ich war unterwegs mit einem grossen Koffer für mein Baritonsaxofon. Und ich dachte, man müsse bei jeder Station ein neues Ticket lösen.

Also bin ich halt bei jeder Station wieder ausgestiegen und natürlich ist mein Instrumentenkoffer dabei auch oft genug in den Tramtüren stecken geblieben.» Säuberli muss laut lachen, wenn er sich an diese absurde Episode erinnert.

Das eigentliche musikalische Erweckungserlebnis erfolgte schliesslich an einem Live-Konzert der Duke Ellington Big Band im Kongresshaus. «So etwas Wunderbares hatte ich noch nie gehört.» Von da an gab es kein Halten mehr. Säuberli spielte, komponierte, produzierte am Laufmeter. Er gründete Orchester und sprengte mit ihnen jegliche Genre-Grenzen. Von gregorianischen Kirchenliedern bis Dixie-Jodel hat er alle erdenklichen Stilrichtungen in seine Musik fliessen lassen. «Mich interessiert einfach alles», sagt der Komponist zu dieser musikalischen Vielfalt. «Und wenn ich etwas gemacht habe, dann will ich etwas Neues ausprobieren.»

Zurück zum Ursprung

Der gelernte Lithograf bildete sich aber auch zum Grafiker und Illustrator weiter. Er hat inzwischen unzählige Platten- und CD-Covers gestaltet, Logos entworfen und verschiedene Kinderbücher illustriert. Diese Arbeit, die sein hauptsächliches finanzielles Standbein bildet, erlaubte ihm für die Musik grösste künstlerische Freiheit.

Bereits 2007 kehrte der Komponist mit der Komposition «Wunderbar» zu seinen musikalischen Ursprüngen zurück, dem Volksliedergut. Und nun also der grosse Wurf mit dem Jodlerklub Wiesenberg. «Die Wiesenberger, das sind rohe Diamanten und echte Berglerstimmen, die kann man nicht formen, wie man sie gerne hätte», meint Säuberli. Diese Eigenwilligkeit sage ihm zu. «Die schrägen Vögel haben mir immer besser gefallen.»

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