Bezirksgericht Lenzburg

Sex mit heiklem Ende: Opfer (51) versucht den Täter (53) zu entlasten

Ein Opfer sexueller Nötigung versuchte vor dem Bezirksgericht Lenzburg erfolglos den Täter zu entlasten.

Ein Opfer sexueller Nötigung versuchte vor dem Bezirksgericht Lenzburg erfolglos den Täter zu entlasten.

Vor dem Bezirksgericht Lenzburg musste sich ein 53-Jähriger wegen sexueller Nötigung verantworten. Das Opfer versucht jedoch ihm zu helfen und nennt den Vorfall «eine Machtdemonstration und einen Ausdruck von Hilflosigkeit».

Alles spitzt sich auf eine Frage zu: Macht sich ein Mann, der ins Gesicht einer Frau uriniert, gegen deren Willen selbstredend, der sexuellen Nötigung schuldig? Ja, sagt Staatsanwältin Regula Dössegger. Nein, sagt das Opfer, Monika (Name geändert), 51, elegant in Schwarz gekleidet.

Sie hält diese Handlung von Ruedi (Name geändert), 53, mit dem sie vor dem Vorfall ein «intensives Sexleben» geführt habe, inklusive einvernehmlichem Geschlechtsverkehr in der Nacht vor dem Vorfall, nicht für eine sexuelle Nötigung, sondern für eine Machtdemonstration oder einen Ausdruck von Hilflosigkeit.

Ruedi habe auf ihren Körper und aufs Bett uriniert, nachdem sie seinen Wunsch nach Oralsex abgelehnt hatte. Sie wollte ihn wegstossen, worauf er sich auf ihre Oberarme gekniet habe und, den Penis vor ihrem Mund, in denselben urinieren wollte. Da beginnt auch die einfache Körperverletzung.

Todesangst mit Knien auf den Oberarmen

«Ich war völlig hilflos», beschreibt Monika diese Situation. Und dann schlug ihr Ruedi ins Gesicht, «rechts, links, ich hab nur noch Sternli gesehen». Auch habe er auf die Frau eingeschrien und wieder zugelangt. Etwa sechs Mal. Ohnmacht, Angst, auch Todesangst habe sie gehabt, bis es ihr gelang, sich zu entwinden und aufzustehen.

Sie trug eine blutende Wunde an der rechten Augenbraue, diverse Blutergüsse im Gesicht und an den Oberarmen – Ruedis Knie – sowie Weichteilschwellungen davon. Als sie den Raum verlassen wollte, gab er ihr einen Schubs, was, weil sie gegen ein Möbelstück fiel, zu weiteren Blutergüssen und kratzerartigen Hautläsionen führte. Juristisch ist das eine Tätlichkeit.

«Er ist kein schlechter Mensch»

Es wurde gebechert, auch noch nach dem Fest am Vorabend des Vorfalls. Von «Vieille Prune» ist die Rede, «mehr als genug» hätten sie gehabt. Monika spricht von Alkohol. Sie stellt keine Zivilforderungen; sie will bloss, dass Ruedi seine tiefe Wut, die ihrer Meinung nach in ihm drin steckt, anschaut.

«Er ist kein schlechter Mensch», sagt sie, und sie fühle sich «nicht so richtig gehört», nachdem die Staatsanwältin mit dem Hinweis, sexuelle Nötigung sei ein Offizialdelikt und müsse verfolgt werden, Ruedis Schuld für erwiesen hält: «Für mich war das keine sexuelle Handlung.»

Der Angeklagte Ruedi schämt sich, hat Angst

Und was sagt Ruedi? Herzlich wenig. Es kostet ihn sichtlich Überwindung, überhaupt etwas zu sagen; er schüttelt immer wieder den Kopf. Der grosse, kräftige Mann in Lederjacke und Jeans, mit Brille und Glatze, wirkt angezählt, eingeknickt.

Es ist nicht zu übersehen: Er schämt sich. Und der Maschinenmechaniker aus der Innerschweiz hat Angst, ein Schuldspruch könnte sein weiteres Leben ruinieren, auch beruflich. Aus erster Ehe hat er zwei Söhne. Ein drittes Kind von einer neuen Partnerin kommt im Juni zur Welt.

«Es ging nicht nur um Sex»

Für ihn spricht sein Verteidiger. Er setzt bei Monikas Aussage an, sie sehe sich nicht als Opfer einer sexuellen Nötigung. Das Urinieren auf jemanden sei zwar «eklig, abartig, widerlich, abstossend», und er stellt die Frage in den Raum, ob Monika vielleicht Ruedi sexuell überfordert habe.

Er habe von seiner Internetbekanntschaft mehr als Sex gewollt, was später Monika, die sehr klar und selbstbewusst auftritt, auf den Plan ruft: «Es ging nicht nur um Sex. Wir sind auch wandern und Töff fahren gegangen.» Worauf der Verteidiger sich entschuldigt.

Da ist noch das versuchte Führen eines Motorrads im angetrunkenen Zustand. Nach dem Vorfall an jenem Samstag im August 2018 alarmierte Monika die Nachbarn und ihren Ex-Partner. Die riefen die Polizei, und als diese in Monikas Wohngemeinde am Hallwilersee eintraf, war Ruedi eben im Begriff, mit seinem Motorrad nach Hause zu fahren. Der Motor lief; der Helm war montiert. Die Atemalkoholprobe ergab eine klare Angetrunkenheit.

Freiwillig in Psychotherapie

Der Verteidiger versuchte vergeblich, beim Gericht die Unverwertbarkeit einiger Untersuchungsergebnisse beliebt zu machen. Auch der Hinweis, Ruedi habe bei der ersten Einvernahme keinen Anwalt gehabt, verfing nicht, sei zu jenem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen, um welche Delikte es da gehe.

Kurz: Das Gericht unter Präsidentin Eva Lüscher gesteht Ruedi zu, dass ihm die Sache leidtue. «Scham, Reue, Entschuldigung sind glaubwürdig herübergekommen», sagt Eva Lüscher. Auch dass er sich freiwillig einer Psychotherapie unterziehe, wirke strafmildernd. Auf der anderen Seite stünden sein egoistisches, demütigendes Vorgehen, der Vertrauensmissbrauch.

Alkoholspezifische Suchtberatung aufsuchen

Ruedi erhält, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten (11 Monate für sexuelle Nötigung, 7 Monate für einfache Körperverletzung). Eva Lüscher zieht dazu den deutschen Bundesgerichtshof heran, der solches Urinieren als sexuelle Handlung beurteilt.

Die Strafe wird bedingt ausgesprochen, mit einer Probezeit von drei Jahren. Dazu kommen eine unbedingte Geldstrafe von 4800 Franken (Antrag Staatsanwaltschaft 13500 Franken) für die Tätlichkeit und 400 Franken Busse für die Übertretung des Strassenverkehrsgesetzes.

Zudem hat er die Verfahrenskosten zu tragen. Und Ruedi erhält die Weisung, sich während der Probezeit weiterhin der Psychotherapie zu unterziehen und zudem eine alkoholspezifische Suchtberatung aufzusuchen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig und kann ans Obergericht weitergezogen werden.

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